Historisch korrekt? Faktencheck "The Crown"
Historische Serien Windsors

Historisch korrekt? Faktencheck „The Crown“


Die Netflix-Produktion „The Crown“ bringt uns seit 2016 das Leben von Elizabeth II., die bis heute auf dem britischen Thron sitzt, auf den Bildschirm. Es beginnt zu einer Zeit, an die sich viele Briten gar nicht erinnern können, nämlich zur Herrschaft von Elizabeths Vater, George VI. Die junge Prinzessin Elizabeth muss mit der Thronfolge, dem Interesse an ihrer Person und ihrer jungen Ehe umgehen lernen.

Was besonders an „The Crown“ ist (was jedoch erst ab der dritten Staffel relevant wird): Da die Charaktere über mehrere Jahrzehnte begleitet werden, werden voraussichtlich alle zwei Staffeln die Darsteller ausgetauscht. Wurden Elizabeth und Philip in der ersten und zweiten Staffel von Claire Foy und Matt Smith verkörpert, übernehmen ab Staffel 3 Olivia Colman und Tobias Menzies die Rollen des Königspaares.

Wenngleich es natürlich nur begrenzte Informationen darüber gibt, was genau sich innerhalb der königlichen Familie im Privatleben zugetragen hat, haben alle Darsteller sich so gut es irgend geht mit ihren Rollen vertraut gemacht. Dennoch hat doch sicher auch hier die altbekannte „Spannung vor Historie“-Erwägung zugeschlagen? Das schaue ich mir heute genauer an.

Update zur vierten Staffel: Nachdem die vierte Staffel für besonderes Aufsehen gesorgt hat, was die historische Korrektheit betrifft, habe ich den Artikel am 27.12.2020 aktualisiert.

 

Historisch korrekt? Faktencheck "The Crown"

Faktencheck „The Crown“

  • Wallis Simpson war nicht anwesend, als ihr Geliebter Edward VIII. per Radiobotschaft seine Abdankung verkündete.
  • George VI. bekam erst deutlich später, 1951, die Lungenkrebsdiagnose, als es in der Serie dargestellt wird.
  • Als Elizabeth und Philip 1947 in der Westminster Abbey heirateten, steckte das Land noch mitten in der Mühsal der Nachkriegszeit. Aus Geldmangel gab es in der Kirche nur zwei Blumengestecke an den Seiten des Altars, und nicht, wie in der Serie gezeigt, in der ganzen Kirche verteilt.
  • Die 16 Monate Wartezeit vor der Krönung von Elizabeth II. waren nicht ungewöhnlich. Immerhin gab es eine ganze Menge vorzubereiten. Die Krönung ihres Vaters George VI. hatte nur deswegen bereits fünf Monate nach seiner Thronbesteigung stattgefunden, weil die Zeremonie übernommen werden konnte, die für seinen Vorgänger Edward VIII. geplant worden war.
  • Dass Prinz Philip während der Krönung nicht vor seiner Frau knien wollte, ist nicht überliefert. Da er selbst aus einer königlichen Familie stammte, ist dies eher unwahrscheinlich. Er wollte allerdings in der Tat, dass seine Kinder den Namen Mountbatten tragen sollten und war zornig, als dies abgelehnt wurde.
  • Prinz Philip hat zwar ab 1952 Flugstunden genommen, aber sein Lehrer war nicht Peter Townsend. Und auch wenn Philip nie gestattet wurde, allein mit der Queen zu fliegen, war seine Flugleidenschaft kein so großer Aufreger wie dargestellt. Ungewöhnlich war sie dennoch, denn immerhin war Philips Schwester mitsamt ihrer Familie 1937 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.
  • Mit diesem Flugzeugabsturz hatte Philip nicht das Geringste zu tun, seine Schwester änderte nicht ihre Pläne, weil er sich schlecht benommen hatte. Gleichsam gab sein Vater ihm auch nicht die Schuld am Tod seiner Schwester.
  • Der Schauspieler John Lithgow, der den Staatsmann Winston Churchill, verkörperte, ist 1,93m groß. Der echte Churchill war jedoch gerade einmal 1,72m. Dementsprechend wurden die Türen am Set der Downing Street größer gemacht, damit er kleiner wirkte.
  • Venetia Scott, die Assistentin von Winston Churchill, hat nie existiert. Sie ist eine Fusion aus mehreren Assistentinnen. Keine von ihnen starb während der Großen Smog-Katastrophe von 1952.
  • Elizabeth II. war über den Schlaganfall, den Winston Churchill erlitten hatte, informiert. Gleiches galt allerdings nicht für das Parlament und die Medien.
  • Winston Churchill und seine Frau Clementine hassten das Portrait, das Graham Sutherland von dem großen Staatsmann anfertigte, weil es ihn gebrechlich darstellte. Clementine verbrannte das Gemälde jedoch nicht eigenhändig (obwohl sie dies zuerst behauptete), sondern ließ ihren Sekretär das Zündeln erledigen.
  • Elizabeth II. hat ihrer Schwester Margaret die Heirat mit Peter Townsend nicht verboten. Zusammen mit ihrem Premierminister Anthony Eden hatte sie einen Plan ausgearbeitet, der Margaret die Hochzeit erlaubt hätte. Margaret hätte lediglich ihren Platz in der Thronfolge aufgeben und standesamtlich heiraten müssen. Ihren Titel und ihre Einkünfte hätte sie behalten können. Doch Margaret entschied sich dennoch gegen die Heirat.
  • Elizabeth II. wird in der Serie bei Tageslicht vom Attentat auf John F. Kennedy unterrichtet. Kennedy wurde jedoch frühnachmittags in Dallas erschossen. Entsprechend des Zeitunterschiedes wäre es in England dann bereits dunkel gewesen.
  • Dass Prinz Philip seiner Frau je untreu gewesen ist, ist nicht belegt. Es gab Gerüchte, was bei einer so langen Ehe und einem Mann wie Philip naheliegend ist. Aber von Fakten kann man hier sicher nicht sprechen.

 

Update The Crown Staffel 4

  • Die erste Begegnung von Diana und Prinz Charles sah anders aus als „The Crown“ es zeigt. Zwar waren sie sich schon einmal begegnet, als Prinz Charles Dianas ältere Schwester besuchte, doch hatte er damals keinerlei Interesse an der gerade einmal 16-jährigen Diana. Auch das Baum-Kostüm ist allein der Kreativität der Serienmacher zu verdanken. Die erste Begegnung, bei der er Interesse an ihr zeigte, fand stattdessen auf einem brachliegenden Feld statt.
  • Lord Mountbatten, starb am 27. August 1979 nach einer Explosion, die sein Boot in Stücke riss. Er war, wie in „The Crown“ gezeigt, mit seiner Tochter Patricia und deren Familie gemeinsam rausgefahren. Die Explosion selbst überlebte er, verstarb aber kurz nachdem man ihn an Land gebracht hatte. Einer seiner Enkel überlebte. Die IRA übernahm die Verantwortung für dieses Attentat und begründete es mit der fortgesetzten Besetzung ihres Landes.
  • Die Existenz eines Briefes von Lord Mountbatten, der erst nach dessen Tod Prinz Charles erreichte, ist nicht nachgewiesen. Wahr ist allerdings, dass er nicht viel von Camilla gehalten und Prinz Charles zwar geraten hatte, seine Erfahrungen zu sammeln, aber auch die in seinen Augen wichtigen Qualitäten einer Ehefrau für den Prinzen genannt hatte. Sein Tod traf Prinz Charles hart, da ihm Lord Mountbatten wie ein Großvater gewesen war, den er bewundert und dem er vertraut hatte.
  • Der Balmoral Test existiert und Lady Diana bestand ihn auch. Allerdings war es nicht ihr erstes Treffen mit der königlichen Familie. Es gab keinen besonderen Hirsch, der erlegt wurde und vermutlich auch keinen frühmorgendlichen Jagdausflug mit Prinz Philip.
  • Margaret Thatcher wurde vermutlich nicht genauso getestet wie Diana, ihr jährlicher Besuch auf Balmoral war ihr jedoch eine besonders lästige Pflicht. Und bis zum Ende ihrer Amtszeit hatte sie nie die passenden Schuhe dabei und reiste stets so früh wie möglich wieder ab.
  • Ob Mrs. Thatcher bei einer Audienz nach dem Verschwinden ihres Sohnes zusammengebrochen ist und geweint hat, ist unklar, da solche Informationen üblicherweise nicht nach außen dringen. Dass sie den Tränen zumindest nah war, bestritt sie selbst nicht. Richtig dargestellt ist jedoch, dass sie Mark Thatcher ihrer Tochter vorzog und dass das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Tochter schwierig war.
  • Mark Thatcher verschwand zwar, allerdings drei Monate vor Beginn des Falkland Kriegs. Er war lediglich vom vorgesehenen Kurs der Paris-Dhakar-Rally an der er teilnahm abgekommen und konnte seinerseits keinen Kontakt aufnehmen.
  • Auch ist bis heute unbekannt, ob die Queen selbst „ihre“ Meinung über Premier Ministerin Thatcher durch Michael Shea an die Presse trug. Michael Shea scheint als Quelle gesichert, alles andere ist umstritten, bis auf die Tatsache, dass die Queen zu jener Zeit unzufrieden mit Mrs. Thatcher war.
  • Ebenfalls erhielt Margaret Thatcher den Order of Merit, allerdings erst am 7. Dezember 1990, was zwei Wochen nach ihrer Amtsniederlegung und ihrer abschließenden Audienz war.
  • Diana wählte ihren Verlobungsring tatsächlich aus mehreren aus. Obwohl unklar ist, warum sie genau diesen wählte, so schien er ihr doch stets wichtig zu sein, trotz der schwierigen Ehe mit Prinz Charles.
  • Prinz Charles antwortete im Interview tatsächlich auf die Frage „Are you in love?“ mit „whatever in love means“
  • Lady Fermoy, Dianas Großmutter, stand dem englischen Königshaus nah und war eine Freundin der Mutter der Queen. Ob sie Diana lehrte und beriet, ist unbekannt, aber plausibel. Tatsächlich schien sie Lady Diana nicht für die geeignete Kandidatin zu halten und prophezeite dieser, dass dieses Leben nicht zu ihr passen würde. Obwohl Lady Diana und ihre Großmutter sich gerade auch durch ihre Trennung von Prinz Charles  sehr zerstritten, versöhnten sie sich kurz vor Lady Fermoys Tod wieder.
  • Bis heute ist umstritten ob die Affäre zwischen Prinz Charles und Camilla in seinen ersten Ehejahren pausierte. Öffentlich verband sie in jedem Fall eine Freundschaft.
  • Auch scheint es wahr zu sein, dass Lady Diana ein für Camilla bestimmtes Armband fand, was sie fast dazu brachte, die Hochzeit abzusagen. Ebenso stimmen die Spitznamen Fred und Gladys, die Charles und Camilla füreinander benutzten.
  • Wie für alle persönlichen Gespräche der Royals gilt auch für Prinzessin Margarets Versuch, die Hochzeit zwischen Prinz Charles und Lady Diana zu verhindern, dass es dafür keinerlei Beweis gibt. Es handelt sich hier um eine Idee der Darstellerin Helena Bonham Carter.
  • Diana litt wirklich an Bulimie. Nach den besten Quellen erhielt sie für dieses Leiden keinerlei Unterstützung aus der königlichen Familie. Hier wurde es als „Verschwendung“ des guten Essens angesehen.
  • Michael Fagan, der Mann, der es gleich zweimal schaffte, in den Buckingham Palast einzubrechen, hat währenddessen kein Gespräch mit der Queen über Margaret Thatcher geführt. Einen politischen Hintergrund für diese Tat gab es nie.
  • Diana wollte ihren neun Monate alten Sohn nicht daheim lassen und nahm ihn mit, als sie gemeinsam mit Prinz Charles ihre Australienreise antrat. Sie eroberte die Herzen der Australier. Und  Prinz Charles empfand so etwas wie Neid, dadurch, dass die Menschen eher sie als ihn sehen wollten. Eine spontane Änderung der Reisepläne gab es nicht, Diana wusste von Anfang an, dass sie ihren Sohn zwei Wochen lang nicht sehen würde.
  • Der Premierminister von Australien Bob Hawke spielte zwar den Erfolg des Besuchs mehrfach herunter, es gibt aber keinerlei Beweis dafür, dass er jemals die Queen als ein Schwein in Perlen bezeichnete.
  • Es gab in den 80ern einen Skandal rund um Prinzessin Anne und ihre angebliche Affäre mit Peter Cross. Bis heute wurde die Affäre jedoch nie bewiesen oder von Prinzessin Anne bestätigt.
  • Die Queen hatte wirklich zwei geistig behinderte Cousinen namens Katherine und Nerissa Bowes-Lyon, die 1941 ins Earlswood Institution for Mental Defectives eingewiesen wurden. Beide wurden im Burke’s Adelsverzeichnis ab 1963 für tot erklärt, vermutlich auf Basis einer falschen Angabe der Mutter der beiden. Queen Mum, deren Bruder der Vater von Katherine und Nerissa war, erfuhr vermutlich erst 1982, dass ihre Nichten noch lebten. Doch die Aufdeckung durch Margaret und ihre darauffolgende Empörung hat es nicht gegeben.

Fazit: Fakt oder Fiktion?

Klar gibt es Abweichungen. Und vermutlich sind gerade die Geschichten von Prinz Philip und Prinzessin Margaret sowie ihrer beider Beziehung zur Königin aus Unterhaltungszwecken abgeändert worden. Was genau innerhalb der Royal Family geschehen ist oder besprochen wurde, werden wir in naher Zukunft vermutlich eh nicht herausfinden.

Aber grundlegend bleibt „The Crown“ erfreulich nah an der Wahrheit. Zumindest galt das, bis zur vierten Staffel viele Stimmen laut wurden, die Serie wäre zu parteiisch und Pro-Diana und Contra-Charles. Und in gewisser Weise ist sicher etwas dran. Gleichzeitig kann man hierbei kaum schon von historischer Genauigkeit oder Ungenauigkeit sprechen, wenn die Ereignisse erst so kurz zurückliegen. Außerdem wird mit dem Schicksal von Diana ein hochemotionales Thema berührt – zu dem ich mich auf keine Seite stellen, sondern das Ganze auch weiterhin mit Abstand betrachten will. Daher: Mach Dir ein eigenes Bild und schau Dir „The Crown“ an!

 

Quellen:

https://www.radiotimes.com/news/on-demand/2018-12-04/the-crown-season-1-2-real-history/

https://graziadaily.co.uk/celebrity/news/crown-netflix-real-historical-accuracy/

https://www.thelily.com/the-crown-what-the-netflix-show-got-wrong-about-royal-protocols/

https://www.bustle.com/articles/192799-how-historically-accurate-is-the-crown-the-netflix-shows-cast-conducted-extensive-research

https://www.thedailybeast.com/the-crown-royals-biographer-sorts-out-fact-and-fiction

http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/3363809.stm

https://www.ranker.com/list/historical-inaccuracies-in-the-crown/setareh-janda

https://www.forbes.com/sites/ceciliarodriguez/2017/12/07/the-crown-season-2-how-true-is-it/#2ead6e8e53c9

https://www.independent.co.uk/arts-entertainment/netflix/the-crown/how-accurate-is-the-crown-true-b1760482.html

 

Beliebte Artikel:

1 Comment

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag!
    Jetzt muss ich nicht mehr jedes Detail selber kontrollieren 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.