Es ist immer wieder überraschend, wie viele, allgemein bekannte Wahrheiten aus der Weltgeschichte sich bei genauerem Hinsehen als Mythos entpuppen. Scheinbar die halbe Welt geht davon aus, dass bestimmte Dinge der Vergangenheit wirklich so gewesen sind – dabei sind es häufig Legenden, Verzerrungen, Propaganda oder schlicht Mißverständnisse.

Aus dem Wunsch, diese Mythen aufzuklären, drehte die Monty Python-Legende Terry Jones eine 8-teilige Serie, die sich mit den Mythen des Mittelalters beschäftigt: Terry Jones‘ Medieval Lives. Jones schlüpft in die Rolle von acht Bevölkerungsgruppen des Mittelalters und klärt, frei von Verklärung und Schwarzmalerei, auf, wie es wirklich gewesen ist, in jener Zeit und jener Gruppe zu leben.

Leider hat diese Serie es in Deutschland nicht auf DVD geschafft. Dafür werde ich mir in sechs Blogposts die Mythen über das Mittelalter, die Terry Jones vernichtet, genauer ansehen.

Den Anfang macht:

Die Bauern im Mittelalter

Die Bauern im Mittelalter haben bei uns ein ganz klares Bild hinterlassen. Sie wurden permanent ausgebeutet, waren arm, dreckig, gesundheitlich eine Katastrophe. Und natürlich ungebildet. Aber was ist dran am Mythos?

Nur wenig ist von den Bauern im Mittelalter überliefert, da Geschichtsschreibung nun mal  Kleriker, Ritter und Bauern im Mittelalterüber die Größen ihrer Zeit, nicht über das gemeine Volk verfasst wurde. Die mittelalterliche Gesellschaft war durch den Feudalismus geprägt: Die Bauern bestellen das Land und produzieren Nahrungsmittel. Das Land gehört jedoch nicht ihnen, sondern wird von einem Grundherren verwaltet, für dessen Versorgung so gesorgt wird und dem die Bauern verpflichtet wird. Doch auch dem Grundherren gehört dieses Land nicht, denn er hat es als Lehen von einem höhergestellten Adligen oder vom König selbst erhalten, dem er hierfür zu Kriegsdienst verpflichtet ist. Da dies jedoch bedeutet, dass der Grundherr häufig abwesend ist, ist er darauf angewiesen, dass die Bauern selbstständig arbeiten und seinen Besitz am Laufen und in gutem Zustand halten. Die Bauern kümmerten sich demzufolge auch um rechtliche Fragen untereinander, was bedeutete, dass zumindest einige von ihnen Latein lesen können mussten.

Bauern im Mittelalter: Unermeßlich überarbeitet?

Neben den Abgaben waren die Bauern im MIttelalter ihrem Lehnsherren auch zu Frondiensten verpflichtet, der die Kosten für Unterkunft und Steuern deckte. In England betrug die Höchstzahl an Tagen, die die Bauern an Frondienst pro Jahr zu leisten hatten, 50 bis 60 Tage. Aber: Ein Fließbandarbeiter der heutigen Zeit muss fast 80 Tage im Jahr arbeiten, um Miete und Steuern bezahlen zu können – fast einen Monat länger! Zudem war der Lehnsherr verpflichtet, für seine Bauern zweimal jährlich ein Fest auszurichten. Darauf wartet man heutzutage beim Finanzamt vergebens.

Ein weiterer großer Einfluss auf das Leben der Bauern war natürlich die Kirche. Aber auch sie sorgte für einen zerstörten Mythos, den man nicht erwartet hätte. Geht man davon aus, dass die Bauern im Mittelalter notorisch überarbeitet waren, lasse man sich dies auf der Zunge zergehen: In der heutigen Zeit gibt es in Deutschland neun Feiertage. Im Mittelalter durfte nach dem Willen der Kirche an 80 Feiertagen nicht gearbeitet werden.

Schafften die Bauern es, ihren Söhnen Bildung zu ermöglichen, konnten sie sogar hoch hinaus und beispielsweise Karriere im Klerus machen.

Bauern im Mittelalter: Leben und Tod

Und was war mit der Gesundheit? Knochenanalysen weisen zwar hin und wieder auf Mangelernährung hin, doch viele Bauern erreichten Lebensalter über 60 Jahre, für jene Zeit ein hohes Alter. Aufgrund der zuckerfreien und grobkörnigen Ernährung war zudem Karies kein Problem für sie. Mundgeruch kam natürlich mangels Zahnbürsten trotzdem vor – und war sogar für die Bauersfrauen ein Trennungsgrund.

Aufgrund der vermuteten mittelalterlichen Warmzeit zwischen etwa 1000 und 1300 erreichte das Klima auch in Mitteleuropa fast mediterranes Niveau. Der Ernten waren erfolgreich und die Versorgung der Bevölkerung wesentlich besser als beispielsweise im 19. Jahrhundert..

Schließlich kam die Katastrophe über Europa, und der Schwarze Tod raffte ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung dahin. Die Aristokratie konnte sich abschotten und auf ihre Landsitze fliehen, doch die Bauern hatten dieses Glück nicht. Dennoch hatten diejenigen, die überlebten, eine große Chance, denn Arbeitskräfte waren nun Mangelware. Dies eröffnete die Möglichkeit zu Lohnverhandlungen oder gar dem Erwerb eigener Ländereien. Dem Adel gefiel dies gar nicht, und er setzte alles daran, das Lohnniveau und auch das Auftreten der Bauern in seine Schranken zu weisen – aus jener Zeit stammt jenes Gesetz, dass es den Bauern untersagt, feine und farbenfrohe Kleidung zu tragen. Die Bauern murrten.

Bauernrevolte von 1381

Doch als dann in England zur Finanzierung des 100-jährigen Krieges eine Kopfsteuer erhoben wurde, die jeden, unabhängig vom Einkommen und Vermögen, mit der gleichen Tod des Bauernanführers Wat TylerSumme besteuerte, brach eine Revolte aus. Etwa 60.000 Bauern zogen gen London, was erstaunliche Koordination erforderte. Und auch ihre Forderungen waren durchdacht, wenn auch revolutionär. Der Bauernanführer Wat Tyler wurde beim Überbringen der Forderungen getötet (siehe Bild), und um die Bauern zur Auflösung zu bewegen, stimmte der König Richard II. der Abschaffung der Leibeigenschaft zu und sicherte den Bauern Straffreiheit zu. Doch kaum hatte die Armee der Bauern sich zerstreut, wurden tausende Bauern wegen Rebellion hingerichtet.

Die Bauern hatten jedoch in den Augen der Adligen ihre „Untreue“ bewiesen, weswegen diese es auch nicht mehr einsahen, ihrer Verantwortung für die Bauern nachzukommen. Zudem entdeckten sie bald eine gewinnbringende Alternative: Das Schaf. Schafhaltung und die aufkommende englische Wollverarbeitung verschafften den Lehnsherren Englands größeres Einkommen als die Bewirtschaftung der Felder durch die Bauern, weswegen viele Bauern ihre Aufgabe verloren und sich die soziale Ordnung Englands nachhaltig veränderte.

Wahrheit oder Mythos?

Im Leben der Bauern im Mittelalter lagen Freud und Leid nahe beieinander. Es gab gute Zeiten, und eigentlich ging es erst um das Ende des 14. Jahrhunderts herum bergab. Die Renaissance war auch nicht gerade gut zu den Bauern, und als Ende des 18. Jahrhunderts Gemeindeland in den Besitz von Adligen übergeben wurde, war das Leben der Bauern so schlecht, wie man es sich von den Bauern im Mittelalter immer vorgestellt hat.

Und gerade, wenn man es mit den heutigen, wirtschaftlich nicht einfachen Zeiten vergleicht, waren die Bauern im Mittelalter wahrscheinlich gar nicht so schlecht dran.

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Categories: Mittelalter

3 Comments

André Gottwald · 13. November 2013 at 20:36

Sorry, daß ich hier so kreuz und quer rumkommentiere. Aber es ist für mich noch neu und ich bin fasziniert. Ein paar Ergänzungen vielleicht: die Anzahl der kirchlichen Feiertage ist unbestritten, aber für die unmittelbare Gegenwart müßten die 52 arbeitsfreien Samstage dagegen gerechnet werden. Zudem ist bei den geringen Ernteerträgen in jedem siebten Jahr (durchschnittlich) mit einem Hungerjahr zu rechnen, nach LeRoy Ladurie. Grosso modo ist mit einer deutlichen Verschlechterung der Lebensbedingungen nach Beginn des 17. Jahrhunderts zu rechnen (Kleine Eiszeit, Zweite Leibeigenschaft). Im ganzen lebte ein Bauer im 16. Jahrhundert mit Sicherheit besser als ein Arbeiter im 19. Jahrhundert. Und für die Zeit von 1200-1250 würde ich sagen, sie lebten zufriedener als wir. (Wenn wir vom nächsten Besuch beim Zahnarzt absehen wollen.)

StefanieNorden · 14. November 2013 at 00:06

Kein Problem, Feedback ist immer gut!

Stimmt, die Samstage hab ich in der Tat nicht bedacht (und Terry Jones auch nicht), aber leider werden ja auch die Samstage immer häufiger mit Arbeit belegt…

Danke auch für die Ergänzungen.

    André Gottwald · 14. November 2013 at 00:31

    Man kann Terry Jones noch den „Blauen Montag“ zugute halten. Aber der galt nur in der Stadt und auch nicht überall. Die Sache als solches (Sozialgeschichte der unteren Klassen) ist auch jeden Fall äußerst interessant, wenn auch schwierig, weil quellenarm. Du wirst es wohl schon kennen, aber ich würde in toto die Annales-Schule zu diesem Thema empfehlen. Auch wenn die diversen Herren (Bloch, Duby, Goff, LeRoy Ladurie) die ganze Wahrheit nicht kennen, sie geben doch wertvolle Anstöße. Die Sozial-, Wirtschafts- und Mentalitätgeschichte des sog. Mittelalters (sagen wir 500-1500, nur mal so) ist äußerst interessant, äußerst mühsam zu erforschen und noch längst nicht am Ende. Deus vult. 🙂

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