„The Last Kingdom“ bringt seit 2015 in bisher drei Staffeln die sogenannte Uthred-Sage von Autor Bernard Cornwell ins Fernsehen. Hauptcharakter Uthred (Alexander Dreymon), Sohn eines angelsächsischen Adligen im 9. Jahrhundert, wird in jungen Jahren von den einfallenden Dänen gefangengenommen und von Ragnar dem Furchtlosen als Sohn aufgenommen. Sein Leben lang bleibt er zerrissen zwischen seiner Herkunft und der neuen Kultur, die ihm von Mentalität und Glauben nähersteht.

Der Plot hat also seinen Reiz, aber, auch wenn Uthred fiktiv ist, wie nahe ist die Serie an der Wahrheit geblieben?

Historisch korrekt? Faktencheck "The Last Kingdom"

Faktencheck „The Last Kingdom“

  • Sprachwissenschaftler vermuten, dass die Dänen und Angelsachsen sprachlich recht nahe beieinander gewesen sind. Sie hätten sich wahrscheinlich auch ohne Übersetzer verstanden. Immerhin waren die Angeln und Sachsen einige Jahrhunderte früher aus Dänemark und Norddeutschland nach Britannien übergesiedelt. Sie dürften sich in etwa so verstanden haben wie Spanier und Portugiesen heutzutage.

 

  • Die Bewohner von Cornwall hingegen, mit denen sich die Engländer problemlos verständigen konnten, sprachen Cornisch, nicht Englisch. Denn Englisch war die Sprache der verhassten sächsischen Einwanderer schon seit vier Jahrhunderten. 838 hatte Cornwall noch an der Seite der dänischen Invasoren gegen Wessex (unter König Egbert, Alfreds Großvater) gekämpft.

 

  • Sowohl männliche Sachsen als auch Dänen trugen zu jener Zeit ihre Haare länger als in der Serie gezeigt. Außerdem trugen sie Bärte. Kurzgeschorene Haare trugen in germanischen Kulturen meist nur die Leibeigenen.

 

  • Das mittelenglische Wort „arseling“ war vermutlich kein Schimpfwort. Es bedeutete „rückwärts“ oder „auf dem Rücken“.

 

  • Die meisten Sachsen jener Zeit trugen runde, nicht rechteckige Schilde. Diese geschichtliche Freiheit wurde vermutlich benutzt, damit die Zuschauer in den Schlachtenszenen die Dänen besser von den Sachsen unterscheiden konnte.

 

  • Zudem brauchten die Sachsen nicht erst Uthred von Bebbanburg, um ihnen zu erklären, was ein Schildwall ist. Diese Taktik war ihnen bereits bekannt. Die Darstellung des Schildwalls in „The Last Kingdom“ ist zudem nicht korrekt, denn er bestand nicht aus mehreren Lagen Schilde, sondern einer Reihe überlappender Schilde nebeneinander.

 

  • Rückenscheiden für Schwerter wurden zu jener Zeit nicht benutzt. Logisch, denn es ist viel einfacher, ein Schwert zu ziehen, wenn man es an der Hüfte und nicht auf dem Rücken trägt.

 

  • Generell sind Kleidung und Rüstung in „The Last Kingdom“ hochgradig inakkurat. Statt fantasievollen Lederrüstungen sah man damals viel mehr Kettenhemden – oder gar keine Rüstung. Und erneut: Wikinger trugen nicht ständig und kiloweise Pelz.

 

  • Wenngleich es stimmt, dass die Nordmänner ihre Gesichter mit Schminke noch furchterregender gestalteten, wenn sie in die Schlacht zogen: Das Ausmaß des in dieser Serie verwendeten Eye-Liners hat eher weniger mit Geschichte und viel mit dem Wikingerbild aus „Vikings“ zu tun.

 

  • Die Pferde, die die Wikinger im 9. Jahrhundert ritten, waren längst nicht so riesig wie die, die in „The Last Kingdom“ gezeigt werden. Die wirklich verwendeten Pferde hatten eher Ähnlichkeit mit heutigen Islandpferden.

 

  • Die Dänen sehen gerne mal so aus, als wäre es Monate her, seit sie sich das letzte Mal gewaschen oder gekämmt haben. In Wirklichkeit legten sie, für ihre Zeit, viel Wert auf Körper,- Haar- und Bartpflege. Traditionell war der Samstag der Badetag. Ihre Zeitgenossen fanden diese „übertriebene“ Hygiene eigenartig.

 

  • Sowohl bei den Dänen als auch den Sachsen sieht man zahlreiche Schwerter bei den Soldaten. Allerdings waren Speere oder Äxte viel verbreiteter. Denn zum einen waren sie einfacher zu gebrauchen, und zum anderen einfacher herzustellen und daher günstiger. Schwerter waren ein Symbol für Wohlhabende.

 

  • Immer wieder sind danische Rundschilde mit Kreuzen zu sehen. In Wahrheit hätten dort Raben, Drachen, Schlangen oder Äxte geprangt.

Historisch korrekt? Faktencheck "The Last Kingdom"

  • Im England jener Zeit waren die allermeisten Gebäude aus Holz, nur Kirchen wurden regelmäßig aus Stein gebaut. Dennoch sieht man Alfred in Winchester in einem steinernen Palast wohnen. Und wenngleich bereits die Römer dort gesiedelt hatten und ihre Bauwerke teilweise noch erhalten waren: Dass es im 9. Jahrhundert ein Gebäude der Römerzeit in diesem Zustand gegeben hat, ist unwahrscheinlich.

 

  • Auch das Gefängnis mit Gitterstäben in besagtem Palast hat es zu jener Zeit noch längst nicht gegeben.

 

  • Alfreds Bibliothek besteht zum größten Teil aus Schriftrollen. Diese war zu jener Zeit schon ein ziemlich überholtes Modell. Das Buch kam bereits zur Römerzeit, mehrere Jahrhunderte früher, auf.

 

  • Winchester, wenngleich eine bedeutende Stadt, war nicht die Hauptstadt von Wessex in dem Sinne, was wir heutzutage unter einer Hauptstadt verstehen. Der königliche Hof zu jener Zeit reiste oft zwischen verschiedenen königlichen Palästen umher. Die erste englische Hauptstadt wurde London, und erst nach der Eroberung durch die Normannen 1066.

 

Fazit: Fakt oder Fiktion?

Uiuiui… eigentlich kann die BBC das besser. Gerade, weil auch die Romane wesentlich näher an der Realität geblieben sind. Ich habe einiges über Kostüme, Rüstungen und Ausstattung gelesen, die vom historischen Standpunkt absolut unterirdisch sein sollen. Das ist jedoch weder mein Spezialgebiet noch meine Spezialepoche, darum habe ich mich dazu kurzgefasst. Die Jungs von Kaptorga haben dazu recht deutlich Stellung bezogen, und da vertraue ich ihrem Urteil.

Alles in allem scheint man hier leider auf den „Vikings“-Zug aufgesprungen zu sein – was schade ist, denn hier hätte man ja die Gelegenheit gehabt, sich genau dagegen abzugrenzen.

Vom Unterhaltungswert her nicht schlecht. Wer also nicht nach Historie sucht, wird sicher seinen Spaß haben. Aber Buchfans seien gewarnt: Mit der Zeit weicht die Serie sehr deutlich von der Romanvorlage ab.

Die Romane kann ich allerdings jedem Fan von historischen Romanen, in denen es etwas rauer und weniger romantisch zugehen darf, ans Herz legen.

Quellen:

The Last Kingdom: how historically accurate is the Netflix show and was Uhtred real?

20 Things The Last Kingdom Got Wrong

The Last Kingdom: The Physical Culture


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.