Magnificent Century: Historical Period Drama auf Türkisch (Gastartikel)

Süleyman, das osmanische Reich, der sagenumwobene Harem… Auch, wer keine Ahnung von diesem Teil der Weltgeschichte hat, verbindet mit diesen Begriffen bestimmte Bilder.

Aus der Türkei stammt nun die Serie, die unter dem Titel „Magnificent Century“ auf dem deutschen Netflix zu finden ist. Allerdings nur auf Türkisch, denn synchronisiert wurde sie (noch?) nicht. Mit den eingeblendeten Untertiteln ist das allerdings kein Problem.

Aber was taugt diese Serie, die als Daily Soap im historischen Gewand auftritt, vom Erdogan verteufelt wird und dennoch in der Türkei und ihren Nachbarländern sehr beliebt ist? Ich war gespannt und habe angefangen sie zu schauen – und ich kann so viel verraten: Es lohnt sich.

Magnificent Century: Historical Period Drama auf Türkisch

Historischer Hintergrund

Süleyman der Prächtige, später auch der Gesetzgebende genannt, regierte als zehnter Sultan das osmanische Reich von 1520 bis 1566. Unter ihm erreichte das Reich die größte Ausdehnung. Er war einer von drei Söhnen des Sultans Selims I. Als sein Vater starb, hatte er das „Glück“, dass seine Brüder bereits tot waren und er damit als Alleinerbe zurückblieb. Allerdings gibt es auch einige, die sagten, dass seine Brüder erst nach seiner Thronbesteigung umkamen. Das wäre nicht unmöglich, denn es war üblich und erlaubt, dass ein neuer Sultan all seine Brüder und ihre männlichen Nachkommen umbringen ließ, um seine Position zu sichern.

Er hatte große Ziele und unternahm 13 Feldzüge, um sein Reich zu vergrößern. Der erste führte gegen Ungarn, das sich weigerte, den bei einem Thronwechsel fälligen Tribut zu zahlen und damit einen guten Vorwand für einen Angriff lieferte.

Und das war nur der Anfang: Unter seiner über vierzigjährigen Herrschaft erreichten die Macht und die geografische Ausbreitung des osmanischen Reiches ihren Höhepunkt.

Roxelane, ein auf einen Druck aus Frankfurt a. M. von 1596 zurückgehendes Ölbild aus dem 18. Jahrhundert

Alexandra, Roxelane, und später von Süleyman Hürrem genannt – diese Frau hat mehrere Namen und eine faszinierende Geschichte. Sie wurde als Anastasia oder Alexandra Lisowska im polnischen Teil Rutheniens als Tochter eines Priesters geboren. Der Name Roxelane bedeutet Ruthenierin. In ihrer Heimat wurde sie von Krimtartaren nach Istanbul entführt, wo sie im Harem Süleymans landete. Dort konvertierte sie und wurde Muslima.

Es heißt, dass sie beide sich ineinander verliebten. Sicher ist, dass Süleyman für sie viele Regeln brach: Sie durfte ihm mehrere Söhne gebären und wurde als erste Sklavin freigelassen, damit er sie heiraten konnte.

In der türkischen Geschichte kommt sie nicht sehr gut weg; dort wird sie als machtgierig und verderbt beschrieben. Ihr wird die Schuld am Ende des osmanischen Reiches in die Schuhe geschoben. Aber ganz so einfach ist das natürlich nicht 😉

 

 

Ist Magnificent Century historisch korrekt?

Ein Period Drama (oder eine Daily Soap) ist keine Dokumentation, das ist klar. Das haben auch die Macher von „Magnificent Century“ selbst gesagt. Sie haben sich an die historisch bekannten Fakten gehalten, mussten aber in vielen Punkten selbst kreativ werden: Wie ist eine christliche Frau wie Alexandra als Mensch, die sich im Harem des Sultans behaupten will? Wie war die Beziehung der Menschen untereinander? Wie ging der Sultan mit seiner Frau um?

Soweit ich es beurteilen kann, greift „Magnificent Century“ durchaus einige Fakten auf. Die Kopfputze der höchsten Hofangestellten mögen auf uns albern wirken, sind aber durchaus korrekt. Vielleicht nicht genau in dieser Form, aber Hüte unterschiedlicher Machart waren zu Zeiten Süleymans die Möglichkeit der Wahl, unterschiedliche Stände deutlich zu machen.

Die Kleidung ist durchgehend prächtig und atemberaubend. Ob sie historisch korrekt sind bezweifle ich allerdings, dafür wirken sie ein wenig zu figurbetont für mich. Eine Augenweide sind sie trotzdem 😉

Sehr gut gefallen hat mir, dass viele historische Fakten aufgegriffen wurden, ohne massiv in den Fokus gerückt zu werden:

Sultan Süleymann hatte vor seiner Thronbesteigung eine Ausbildung zum Goldschmied gemacht, da damals jeder Sohn des Parischahs einen Beruf lernen musste. In der Serie sieht man ihn häufiger in seinen Privatgemächern an Schmuckstücken arbeiten. Kleiner Spoiler: Der erste Ring, an dem er in der Serie arbeitet, spielt in den ersten Folgen eine wichtige Rolle.

Ebenfalls wird quasi nebenher gezeigt, dass es das Recht hochrangiger Adeliger war, dass ihr Kopf nach einer Hinrichtung in einem Silbertablett aufgefangen wird. Das Haupt einfacher Bürger landete damals auf dem bloßen Boden.

Spannend ist, dass es damals keinen Erbadel gab und damit jeder Mensch hohe Ämter bekleiden konnte, wenn er sich hervortat. Der Vertraute Süleymans, Ibrahim, in der Serie ist ein gutes Beispiel dafür. Ob Ibrahim allerdings wirklich wie in der Serie behauptet aus Venedig stammte, ist nicht sicher.

Schön sind die Ausflüge in die Außenpolitik. Der Fokus der Serie liegt zwar auf dem Leben und Lieben am Hofe, wobei die unterschiedlichen Stände und sowohl die offiziellen als auch inoffiziellen Machtbefugnisse deutlich werden. Aber es gibt auch genug Ratssitzungen und Kriegsplanungen, welche die Eroberungsfeldzüge von Süleyman zeigen.

Und für alle Freunde der höfischen Intrigenspiels: Davon gibt es bei „Magnificent Century“ mehr als genug. Wie könnte es auch nicht? Ein königlicher Hof ist ein Schmelztiegel verschiedenster Interessen, und jeder will ein Stück vom Kuchen abhaben. Oder, in Alexandras Fall, gleich den ganzen Kuchen für sich beanspruchen.

Falsch ist, dass Süleyman zu Beginn der Serie noch immer mit seiner Hauptfrau Mahidevran das Lager teilt, obwohl sie ihm bereits einen Sohn geboren hat. Denn eigentlich durfte der Sultan bei keiner Konkubine mehr liegen, die ihm bereits einen Erben geschenkt hatte. Aber dieser Kniff war wohl notwendig, um für mehr persönliches Drama zu sorgen.

In der Geschichte zeigte sich gerade hier Alexandras besondere Rolle: Sie blieb bei Süleyman und gebar ihm mehrere Söhne – ein absolutes No-go.

 

Optische Umsetzung

Während die Kostüme und die Raumausstattung von „Magnificent Century“ großartig und ein Augenschmaus sind, merkt man gleichzeitig, dass die Kulissen eher… naja, suboptimal sind. Während beim Dreh der „Tudors“ auf eine große Zahl alter Gemäuer zurückgegriffen werden konnte, scheinen diese in der Türkei zu fehlen. Die Marmorbrüstungen der Balkone sind als solche zu erkennen, allerdings sieht man auch auf den ersten Blick, dass es sich um Holzattrappen handelt, die (zugegeben wirklich verdammt gut) in Marmoroptik angemalt wurden.

Mein persönliches Highlight war allerdings die Außenaufnahme vom venezianischen Botschafterhaus: Es wurde ein reales Haus aufgenommen, aber alle modern aussehenden Bereiche zwischen den Fenstern mit passenden, auf Pappen ausgedruckten Fassaden abgeklebt. Es entstand der skurrile Eindruck einer Pappkulisse.

Konnten allerdings einzelne Räume ausgestattet werden, blieben keine Wünsche unerfüllt. Die Vielzahl an Divanen, Sitzkissen, Schatullen, Stickrahmen und unzähligen Alltagsgegenständen lassen auf jeden Fall ein authentisches Gefühl aufkommen.

 

Fazit

Auf jeden Fall anschauen! „Magnificent Century“ hat ihre Schwächen, aber sie ist soweit ich es einschätzen kann unendlich viel näher an der Realität als Fernsehverbrechen wie „Reign„. Durch die fehlende Synchronisation ist man gezwungen, die Untertitel zu lesen, wodurch „Magnificent Century“ keine Serie ist, die man nebenher laufen lässt. Damit ist sie das perfekte Abendprogramm, um sich mit einem leckeren Tee auf dem Sofa einzukuscheln und sich ins osmanische Reich entführen zu lassen.

Frauke Bitomsky wurde von ihren B2N-Kollegen Stefanie und Tristan mit der Begeisterung für Geschichte angesteckt. Aber anstelle von England fasziniert sie das Orientalische.

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