16 Dinge, die ich von "The Spanish Princess" gelernt habe
Historische Serien

16 Dinge, die ich von „The Spanish Princess“ gelernt habe

„The Spanish Princess“ – als ich hörte, dass der Sender Starz einen weiteren Phillipa-Gregory-Roman in eine Serie verwandeln würde, war ich zuerst verhalten optimistisch. Der Vorgänger, „The White Queen“ hat mir recht gut gefallen, und der zweite Teil, „The White Princess„, war zumindest noch irgendwie erträglich. Aber leider war die BBC nach „The White Queen“ ausgestiegen. Und nun produzierte Starz die Serien allein, nachdem es sich bereits für historische Juwelen (Achtung, Sarkasmus) wie „Spartacus“ verantwortlich gezeigt hatte…

Nun sollte in „The Spanish Princess“ also die Geschichte von Katharina von Aragon erzählt werden, der ersten Frau Heinrichs VIII., beginnend als junges Mädchen und zukünftige Ehefrau von Heinrichs älterem Bruder Arthur.

Vorausgeschickt: Für einen reinen Faktencheck bin ich zu sauer darüber, wie Starz diese spannende und vielschichtige Geschichte verhunzt hat. Also ziehe ich heute meine Lehren sowohl aus historischem als auch aus sonstigem Unsinn. Und davon gibt es reichlich…

Achtung wie üblich: Dieser Artikel kann Spuren von Sarkasmus enthalten. Vielleicht auch Mengen.

 

Was ich aus „The Spanish Princess“ gelernt habe

1.) Mit starken, weiblichen Charakteren ist das amerikanische Publikum natürlich überfordert. Darum muss man aus Isabella von Kastilien, Katharinas Mutter, der hochgebildeten, emanzipierten und starken Herrscherin, eine schwertschwingende Kriegerin machen. Damit auch jeder versteht, dass sie stark ist. Du verstehst? Klar war Isabella eine starke Frau, sie reiste mit ihrer Armee, als diese die Mauren aus Spanien vertrieb, sie hielt mitreißende Reden vor ihren Soldaten – aber ein Schwert hat sie selbst nie geführt.

Katharina von Aragon2.) Übrigens ist das amerikanische Publikum mit starken, weiblichen Charakteren überfordert. Deshalb wurde aus der hochgebildeten und pflichtbewussten Katharina, die viel von ihrer Mutter gelernt hatte, eine moderne, zickige Diva. Ach ja, und klar konnte auch sie mit dem Schwert umgehen. Weil… ist halt so.

3.) Ach ja, ich weiss nicht, ob ich es schon erwähnt habe, aber mit starken, weiblichen Charakteren… Du weisst schon. Darum wurde Margaret Beaufort, die zwar zu Lebzeiten sicher einen gewaltigen Willen zur Macht hatte, aber gleichzeitig auch für ihre Frömmigkeit und Wohltätigkeit bekannt war, zur besessenen Bösewichtin der Serie aus Gründen, die wohl nur den Machern einleuchteten. Denn ein Geschichtsbuch hatten die sicher nicht in der Hand. In Wahrheit war Margaret Beaufort in keinster Weise Katharina gegenüber feindlich eingestellt und bedachte sie sogar in ihrem Testament.

4.) Generell durften adelige Frauen sich zu jener Zeit nicht mögen. Da hätte natürlich überhaupt nicht ins Bild gepasst, dass Katharina und Elizabeth of York sich sehr gut verstanden und Elizabeth so etwas wie ein Mutterersatz für Katharina wurde. Oder dass es  keinen Grund für einen solchen Haß zwischen Katharina und ihrer Schwester Juana gegeben hat. Ich korrigiere: Niemand durfte Katharina von Aragon mögen, da sie sonst weniger als die starke Heldin rübergekommen wäre, die all ihre Feinde besiegt. Seufz…

5.) Dass sich Mitglieder der königlichen Familie, Mütter und Söhne, Brüder, Väter und Söhne, ungeniert in aller Öffentlichkeit stritten, war total normal und überhaupt nicht skandalös oder peinlich.

6.) Zwischen „The White Princess“ und „The Spanish Princess“ sind magische Dinge geschehen. Durch ein Wunder ist der invalide Arm von Richard Pole verschwunden und heil nachgewachsen. Hallelujah!

7.) „Ich kann den Prinzen jetzt nicht treffen, ich mache jetzt Siesta“ ist eine in Hochadelskreisen des 16. Jahrhundert vollkommen akzeptable Ausrede. Besonders dann, wenn sie schnippisch und arrogant gegenüber der Mutter des Königs vorgetragen wird.

8.) Weil der spätere Heinrich VIII. ansonsten weder als seinen Bruder mobbendes Ekel noch als Love Interest für Katharina in Frage gekommen wäre, ist der Fakt, dass er beim Tod seines Bruders gerade einmal 10 Jahre alt war, natürlich zu vernachlässigen.

9.) Begrüßungen in Hochadelskreisen beginnen ganz selbstverständlich mit „Hallo“.

10.) Am Tudorhof herrschte schlimmster Personalmangel. Darum war es allen Adeligen stets möglich, allein herumzulaufen, spazieren zu gehen oder vertrauliche Gespräche in leeren Räumen zu führen.

11.) Die Tochter der vielgepriesenen katholischen Könige, die seit Jahrzehnten Krieg führen, um die Mauren aus ihrem Heimatland zu vertreiben, die selbst streng katholisch ist (und der katholische Glaube nicht unbedingt für seine Toleranz gegenüber Nicht-Christen bekannt ist), kann natürlich vollkommen tolerant gegenüber dem Islam sein und Anhänger dieser Religion in ihrem Gefolge haben.

12.) Sowohl Katharina als auch Prinzessin Margaret müssen an Demenz oder hochgradiger Ignoranz gelitten haben. Der Gedanke, dass ihre Ehen arrangiert waren und nicht auf Liebe beruhten, hat sie doch wahrhaftig überrascht. Als hätten die Töchter des Hochadels nicht von klein auf gelernt, dass sie eines Tages eine arrangierte Ehe aus dynastischen Gründen eingehen würden.

13.) Überhaupt scheinen alle bedeutenden englischen Charaktere jener Zeit, von Heinrich VII. über seine Frau Elizabeth of York bis zu seiner Mutter Margaret Beaufort, sich von fähigen Diplomaten und Politikern zu schwachsinnigen Trotteln gewandelt zu haben, die persönliche Befindlichkeiten stets über das Wohl der Dynastie und des Königreichs stellen.

14.) Ja, es gab eine (vermutlich) Maurin namens Lina in den Diensten von Katharina von Aragon. Allein wegen diesem Umstand kann man schon mal darüber hinwegsehen, dass sie keinesfalls eine Hofdame war, und dass Katharina auch keinen adligen Ehemann für sie in England suchte. Lina war eine Sklavin, die irgendwann vor 1527 freigelassen wurde.

15.) Katharina war zeit ihres Lebens als sehr religiös bekannt. Aber was soll’s. Will sie ihre Ziele erreichen, kann sie auch mal über den Vollzug ihrer Ehe mit Arthur lügen. In der Beichte.

16.) Das frühe 16. Jahrhundert war für seine religiöse Toleranz bekannt. Eheschließungen zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen durch Priester beider Religionen war überhaupt kein Problem. Katholische und muslimische Geistliche hatten überhaupt kein Problem miteinander. Ist ja nicht so, als wären Nicht-Christen damals verfolgt und hingerichtet worden oder so.

 

Mein Fazit zu „The Spanish Princess“

…..

Okay, ich sag’s offen: Was für ein Schwachsinn.

Und bevor mir wieder jemand erzählt, dass es doch toll sei, dass solche Serien Geschichte anschaulich machen: Nein. Einfach nein. Das ist nicht Anschaulichmachen, das ist Geschichte ermorden, verscharren, wieder ausgraben, klonen und alle Klone umbringen (schöne Grüße an alle „Madagascar“-Fans).

Wenn Dir die Serie also super gefallen hat, dann wünsche ich Dir weiterhin viel Spaß damit, kann Deine Meinung aber nicht teilen.

Dazu eine kleine Geschichte, um zu zeigen, was „künstlerische Freiheit“ bei geschichtlichen Themen anrichten kann: Hast Du früher auch geglaubt, Wikinger würden Helme mit Hörnern tragen? Die Chance ist groß, dass Du das auch einmal glaubtest. Stimmt aber nicht, Wikinger haben nie solche Helme getragen. Aber im Jahr 1876 fand ein gewisser Richard Wagner, Hörnerhelme würden sich unheimlich gut auf der Bühne machen, nämlich bei der Uraufführung des „Ring der Nibelungen“. Und irgendwann gingen sie dann in die allgemeine Vorstellung von Wikingern über.

Und was glaubst Du wohl, wieviele Leute heute denken, Wikinger hätten Undercuts, Eyeliner, schwarzes Leder und Fell getragen? Woran das wohl liegt?

Bei „The Spanish Princess“ hat man eine Geschichte, die eigentlich an sich schon vor Drama, Intrige und sogar Liebe nur so strotzt. Warum man daraus so einen Unsinn, der auf jegliche historische Korrektheit pfeift, machen muss, muss ich wohl nicht verstehen. Einerseits versucht man so krampfhaft, modern zu sein, gleichzeitig verschandelt man zwei der stärksten und spannendsten Frauenfiguren der Geschichte, Margaret Beaufort und Katharina von Aragon, völlig. Die eine wird eine rachesüchtige Haßfigur ohne jeglichen Sinn, die andere eine arrogante Zicke. Und das nehme ich den Serienmachern übel. Mich hat ja „Reign“ schon sehr aufgeregt. Aber bei „The Spanish Princess“ geht es um meine Lieblingsepoche der Geschichte, meine liebste königliche Dynastie und auch eine meiner liebsten historischen Figuren, Katharina von Aragon. Und was „The Spanish Princess“ aus dieser intelligenten, willensstarken und pflichtbewussten Frau gemacht hat, kann ich mir nicht mehr als einmal ansehen.

 

Links:

https://www.vulture.com/2019/05/the-spanish-princess-true-story-tudor-history.html

https://charitysplace.wordpress.com/2019/05/06/the-spanish-princess-the-new-world/

https://www.indiewire.com/2019/05/the-spanish-princess-starz-review-1202130993/

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