Tudor-Weihnachten: Wie Heinrich VIII: Weihnachten feierte
Tudors Britische Traditionen

Tudor-Weihnachten: Wie Heinrich VIII. Weihnachten feierte


Wie sah ein Tudor-Weihnachten aus? Wie feierte Heinrich VIII. das Weihnachtsfest, wie sein Hofstaat oder seine Untertanen? Die großartige Lucy Worsley entführt in ihrer Doku „Lucy Worsley’s 12 Days of Tudor Christmas“ in die Weihnachtszeit des 16. Jahrhunderts, und mich hat sie motiviert, auch Dich mit diesem Artikel mit zu diesem Weihnachtsfest der anderen Art zu nehmen.

 

Tudor-Weihnachten: Anders, als wir es kennen


Vieles von dem, was wir heute mit Weihnachten verbinden, kannte das Tudor-Weihnachten noch nicht. Der Weihnachtsbaum kam erst Jahrhunderte später mit den Königen aus dem Haus Hannover nach England. Und dass man Geschenke unter den Weihnachtsbaum legte, führten Königin Victoria und ihr deutscher Ehemann Albert ein. Niemand hing Socken an den Kamin, um sie mit Geschenken zu füllen. Und der Weihnachtsmann, rot gekleidet und mit weißem Rauschebart, ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.

Bis zum 24.12. gab es für die Bevölkerung der Tudorzeit erst mal gar nichts zu feiern. Die Adventszeit war Fastenzeit. Dies bedeutete, vier Wochen lang war kein Fleisch, keine Eier und keine Milchprodukte erlaubt. Dafür nahmen die Tudors sich dann auch extra viel Zeit, um Weihnachten zu feiern, denn vom 25.12. bis zur Ankunft der Heiligen drei Könige wurden ganze 12 Tage lang Weihnachten gefeiert.

Eine festliche Angelegenheit war bereits am 24. erlaubt: Die Häuser wurden grün dekoriert. Vor allem Stechpalme, Efeu, Lorbeer und Rosmarin waren dafür beliebt und fanden in Form von Gebinden, Kränzen und Girlanden ihren Weg ins Haus.

Traditionell wurden auch Geräte wie das Spinnrad mit grünen Girlanden umwickelt und so unbrauchbar gemacht – es sollte an den Feiertagen nicht gearbeitet werden. Die Frau des Hauses hatte vermutlich auch so während der Weihnachtstage genug zu tun.

An einem speziellen Gebilde namens Kissing Bough aus zwei ineinander verwobenen, immergrünen Kränzen, mit denen man damals das Haus schmückte, hing etwas, das wir heute noch kennen: Mistelzweige. Und auch damals schon musste ein Paar, das sich unter dem Mistelzweig traf, sich küssen. Allerdings nur, solange noch Beeren an dem Zweig waren, denn nach jedem Kuss musste der Herr eine Beere entfernen.

Tudor-Weihnachten: Wie Heinrich VIII: Weihnachten feierte

Auch Stechpalme war damals schon bedeutend an Weihnachten, und es hatte ebenfalls mit der Liebe zu tun. Legte eine Frau am 24.12. drei glatte und drei dornige Stechpalmen in ein Taschentuch gewickelt unter ihr Kissen, träumte sie in jener Nacht von ihrem zukünftigen Ehemann. Männer hatten es leichter: Die erste unverheiratete Frau, die sie am Weihnachtsmorgen auf dem Weg zur Kirche erblickten, war ihre Zukünftige.

Um Mitternacht vom 24. auf den 25. ging man zur Mitternachtsmesse, und die Weihnachtsfeierlichkeiten begannen.

 

Der erste Tag der Tudor-Weihnachten: Tafelfreuden

Am 25. feierte der König in großem Stil mit einem Festmahl. Immerhin hatte man die lange Fastenzeit überstanden und wollte es sich nun kulinarisch gut gehen lassen. Heinrich besaß mehr als 50 Anwesen und Paläste, aber am liebsten feierte er in Hampton Court Palace.

Tudor-Weihnachten: Wie Heinrich VIII: Weihnachten feierte

Als Hauptgericht gab es oft Wildschwein, ein Tier, das Heinrich VIII. selbst gern jagte. Wildschweine waren zu jener Zeit in England nahezu ausgestorben. Die Jagdvorliebe hat sicher dazu beigetragen, und gleichzeitig machte es Wildschwein zu einer noch selteneren Delikatesse. Wollte der Adel nun Wildschwein jagen, mussten ganze Herden vom europäischen Festland importiert und in den Jagdgründen ausgesetzt werden.

Tudor-Weihnachten: Wie Heinrich VIII: Weihnachten feierteDazu gab es Mince Pies, die herzhaften Vorgänger der heute noch in England üblichen süßen Leckerei. Die Pies haben ihren Namen von „mince“ (hacken), da die Zutaten kleingehackt und vermischt wurden, darunter damals auch Fleisch. Die uns heute vertraute Trennung zwischen Fleisch und süßen Zutaten war damals noch nicht üblich.
Mit den heutigen Mince Pies hatten jene nur wenig zu tun, denn zur Tudorzeit waren Mince Pies mit vielen Traditionen verbunden. Sie wurden aus 13 Zutaten hergestellt, im Gedenken an die Apostel Jesu. Darunter Gewürze, die an die Heiligen Drei Könige und ihre Gaben erinnerten, und Hammelfleisch, als Erinnerung an die Schäfer, die Jesus nach seiner Geburt aufsuchten. Man gestaltete sie u. a. auch in Form eines Jesuskinds in der Krippe und aß sie im Ganzen oder mit einem Löffel. Sie mit einem Messer zu schneiden, brachte Unglück, ebenso wie, eine Mince Pie abzulehnen. Im 17. Jahrhundert verbot der Republikaner und Puritaner Oliver Cromwell Mince Pies gleich völlig, da er sie als Ketzerei erachtete.

Und natürlich gab es reichlich am offenen Feuer gebratenes Fleisch. Denn je reicher man war, desto mehr Fleisch kam auf den Tisch. War man der König, musste man zeigen, dass man reicher war als alle anderen, entsprechend üppig fiel auch die Fleischauswahl aus. Rinds- und Rehbraten waren in Adelskreisen besonders beliebt auf der Weihnachtstafel. 1526 fand auch der Truthahn seinen Weg nach England, und auf die Festtafel der Tudor-Weihnacht.

Heinrich VIII. liebte Weihnachten besonders und genoss es, in vollen Zügen zu feiern. Für sein erstes Weihnachten als König im Jahr 1509 gab Heinrich 7000 Pfund aus. Zum Vergleich: Sein Vater gab 12.000 Pfund pro Jahr für seinen gesamten Haushalt aus. Doch hierbei ging es nicht nur um ausgiebiges Feiern und Völlerei: Der junge König wollte, nach dem Tod seines knauserigen Vaters, zeigen, dass nun eine neue Zeit angebrochen war.

Meat being roasted on a spit in Tudor style in the Great Kitchens at Hampton Court Palace
Meat being roasted on a spit in Tudor style in the Great Kitchens at Hampton Court Palace by Chiswick Chap under CC BY-SA 4.0

Die Kreaturen, die ihren Weg auf die Tafel des Königs fanden, mussten daher etwas ganz besonderes sein. Gerne servierte man dem König Schwan oder Pfau, beide wieder in ihr Federkleid gesteckt und die Schnäbel vergoldet. Doch auch sie wurden noch übertroffen: Der Wildschweinkopf, Hauptattraktion des Festmahls, war so speziell, dass ein eigenes Lied über ihn gesungen wurde, wenn er zum Tisch getragen wurde. Dieses Lied fand sogar seinen Weg in die erste Sammlung von Weihnachtsliedern, die je in England gedruckt wurde und aus der Zeit Heinrichs VIII. stammten.

 

Von innigen Gebeten und wilden Feiern

Tudor Christmas decorations at Trerice A wonderful smell of cloves.
Tudor Christmas decorations at Trerice A wonderful smell of cloves. by Geoff Welding under CC BY-SA 2.0

Am 26.12. wurde das Fest des Hl. Stefan gefeiert, der für seine Wohltätigkeit berühmt war. Da nun die Festtafel am Hof mehr als üppig bemessen war, blieben natürlich Reste übrig. Diese Reste mussten auf königliche Anordnung an die Palasttore gebracht und an die Armen verteilt werden. Immerhin etwa ein Drittel der Bevölkerung war damals arm, also waren diese Almosen oft genug überlebenswichtig. Und nicht nur der Hof des Königs musste diese Almosen geben, sondern jeder Adelige und Landbesitzer. Es war ein Brauch, den man mit Stolz durchführte und sich großzügig gegenüber den Untergebenen und Armen zeigte. Kam ein Adeliger am Hof dieser Pflicht nicht nach, konnte er sogar des Hofes verwiesen werden.

Am dritten Weihnachtstag, also dem 27., ging die Party richtig los. Musik, Spiele, Aufführungen, Tanz… und alles wurde geleitet von einem Lord of Misrule, einem Höfling, der gewählt wurde, um für die gesamten 12 Tage über das Amusement und allgemeine Chaos zu wachen. Dabei war so ziemlich alles erlaubt und alle (naja, vermutlich eher viele) Regeln von Status und Anstand wurden  außer Kraft gesetzt. Oft geriet dieses Geschehen jedoch außer Kontrolle – ein Lord of Misrule wurde sogar des Mordes angeklagt.

Stellenweise wurde der Lord of Misrule auch als Lord of Christmas oder King of Christmas bezeichnet – ein möglicher Vorläufer des späteren, in England üblichem Father Christmas.

Einen Tag später stand wieder der Glaube im Vordergrund. Auf dem Feast of Holy Innocence (Fest der unschuldigen Kinder) wurde dem Kindermord in Bethlehem gedacht. Da zur Tudorzeit die Kindersterblichkeit sehr hoch war, war das Erinnern an den vielfachen Tod von Kindern etwas, das die meisten Familien nachfühlen konnten und was den Tag weitaus besinnlicher und melancholischer machte.

Am fünften Tag schließlich ging es um Sport. Und da sie nicht arbeiten mussten, hatten auch die Gemeinen die Gelegenheit, Sport zu treiben – was ihnen je nach Sportart (z. B. Tennis oder Boule) auch nur an diesem Tag erlaubt war! Schließlich mussten sie tauglich für den Krieg bleiben. Auch sah man das Zusammenkommen junger Männer zum Sport, die dabei dem Alkohol oder Glücksspiel zusprachen, mit Argwohn.

Der sechste Tag stand ganz im Zeichen der Maske, dem Ursprung dessen, was sich im Deutschen „Mummenschanz“ nennt. Vermummte Gestalten, sogenannte Mummers, denen nicht erlaubt war, zu sprechen, zogen durch die Straßen. Man musste sie ins Haus lassen, wo sie die Hausbesitzer zu einem Würfelspiel herausforderten. Oft, und dies gehörte zum Brauch, waren ihre Würfel gezinkt, und sie erleichterten ihren Gastgeber um seinen Spieleinsatz. Möglicherweise waren diese gruseligen Gestalten die Vorfahren der „Trick or Treat“-Gestalten zu Halloween.

 

Der Jahreswechsel: Geschenke, Geschenke

Der 31. war zur Tudorzeit keine Jahreswechselfeier, sondern nur der siebte Tag des Weihnachtsfests. Erst am 1. Januar, dem Neujahrstag, wurden am Tudorhof Geschenke ausgetauscht. Wer welche Geschenke gab, wurde genau schriftlich festgehalten.

Natürlich wurde auch der König reich beschenkt. Die Übergaben fanden vor den Augen des versammelten Hofes statt, also galt es, Eindruck zu machen. Ein Fünftel waren Geldgeschenke, oft in opulenten Verpackungen wie edlen Handschuhen. Adelige Damen schenkten ihm oft Hemden, damals ein recht intimes Kleidungsstück und wohl auch zumindest teilweise mit Hintergedanken geschenkt. Anne Boleyn schenkte dem passionierten Jäger Heinrich zum Neujahrstag vor ihrer Hochzeit einen Satz Sauspieße. Auch Windhunde waren als Geschenk sehr beliebt, da Heinrich sie sehr schätzte.

Auch an den ersten Januartagen wurde noch gefeiert und auch die Kirche besucht. Feierlichkeiten und Gottesdienst waren für die Tudors keinesfalls ein Widerspruch. Alles strebte nun auf den Höhepunkt und Abschluss des Weihnachtsfests am 6. Januar zu.

 

Kostspielige Gaumenfreuden

Süße Delikatessen waren sehr wichtig für die königliche Tafel, nicht nur zur Tudor-Weihnachten. Zu jener Zeit war Zucker noch ein absolutes Luxusgut, da er von weither importiert wurde. Tischte man also zuckrige Leckereien auf, zeigte man seinen seinen Reichtum.

Auch der eine oder andere gute Tropfen durfte natürlich nicht fehlen. Man trank Honigwein, mit Gewürzen und Zucker verfeinerten Wein sowie Bier und Ale. Im heutigen Sprachgebrauch oft dasselbe, waren dies zur Tudorzeit noch zwei sehr unterschiedliche Getränke. Bier wurde mit Hopfen gebraut, Ale mit Gewürzen und Kräutern. Hopfen war noch eine relativ neue Zutat, die erst Ende des 15. Jahrhunderts in England aufkam. Heinrich VIII. betrachtete es noch mit gewissem Mißtrauen, was jedoch dem allgemeinen Konsum der Getränke keinen Abbruch tat.

Es kam schließlich sogar die Beschwerde auf, Weihnachten hätte seinen besinnlichen Charakter verloren und sei nur noch die Zeit, zu der sich alle hemmungslos betranken. Gar nicht unähnlich zu heute.

Neben diesen Ausschweifungen gerieten nach der Reformation auch die Heiligen, die an vielen der Weihnachtstagen gefeiert wurden, aus der Mode. Die Puritaner schafften Weihnachten im 17. Jahrhundert sogar komplett ab. Doch während Heinrichs Lebzeit blieb Weihnachten bei seinen opulenten 12 Tagen. Denn Kirche von England hin oder her – im Herzen blieb Heinrich Katholik, nur eben ohne die Autorität des Papstes. Und sein Weihnachten wollte er sich auch sicher nicht nehmen lassen.

 

Der Höhepunkt: The Twelfth Night

Zur Twelfth Night, dem heutigen Dreikönigstag, erreichte das Tudor-Weihnachten also seinen Höhepunkt und krönenden Abschluss. Es gab ein üppiges Bankett, das ausschließlich aus süßen Speisen bestand. Und nicht nur wurden diese luxuriösen Speisen angeboten, sie wurden beeindruckend in Szene gesetzt.

Aus mit Rosenwasser verfeinertem Marzipan wurden Kunstwerke wie z. B. Schachspiele geformt. Heinrich VIII. schickte einst ein solches Marzipan-Schachspiel als Geschenk an den König von Frankreich. Kleine Süßigkeiten wurden in aus Zucker geformten und mit Blattgold verzierten Schachteln gereicht. Auch der heute immer noch beliebte Lebkuchen schmeckte bereits den Tudors, die Gewürze waren ein weiterer Beweis für den Reichtum des Gastgebers. Es gab kandierte Zitrusfrüchte, zu jener Zeit der Gipfel des Luxus, da sowohl Zitrusfrüchte als auch Zucker kostspielige Leckereien waren. Vor allem Orangen waren beliebt und wurden bald mit dem Weihnachtsfest assoziiert – wie heute.

Der Höhepunkt des Banquettes war ein gewaltiger Früchtekuchen, mit fast einem Meter Durchmesser.

Tudor-Weihnachten: Wie Heinrich VIII: Weihnachten feierte

Nach dem Bankett gab es Maskenspiele und Tanz. Symbolische Szenen, wie z. B. eine Debatte zweier Tugenden, wurden aufgeführt. Der ideale Höfling musste solche Unterhaltung beherrschen und sowohl im Tanz als auch im gestellten Schwertkampf versiert sein. Auch William Shakespeares Ruhm wurde zu solchem Anlass gemehrt. Sein Stück „Was Ihr wollt“ wurde geschrieben, um als Unterhaltung in der Twelfth Night aufgeführt zu werden.

Berühmt wurde die Twelfth Night des Jahre 1541, auf dem die aktuelle Königin Katherine Howard als auch die vorherige Königin Anna von Kleve anwesend waren. Heinrich musste sich früh zurückziehen und sein von Geschwüren geplagtes Bein schonen, doch Katherine und Anna tanzten fröhlich die Nacht durch.

So endete die Tudor-Weihnacht damit, worum es ja eigentlich gehen sollte: Freude, gute Gesellschaft und alles in allem eine schöne Zeit.

 

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