Die sechs Frauen Heinrichs VIII.: Anne Boleyn

Anne Boleyn ist wahrscheinlich diejenige unter Heinrichs sechs Frauen, die den meisten Leuten ein Begriff ist. Die große Verführerin, der Grund für die englische Reformation, Mutter einer der größten Königinnen Englands und nicht zuletzt die erste seiner Frauen, die auf dem Schafott starb.

 

Anne Boleyn, Hoffnung der Familie

So vieles an Anne Boleyn scheint bis heute Mysterium zu sein. Nicht einmal ihr Geburtsjahr ist sicher bekannt: Sie kamDie sechs Frauen Heinrichs VIII.: Anne Boleyn entweder 1501 oder 1507 als Tochter des Diplomaten Thomas Boleyn und seiner Frau Elizabeth Howard zur Welt. Ihr Vater war selbst nur von niederem Adel, anders als ihre Mutter, Tochter des 2. Herzogs von Norfolk und Teil einer der mächtigsten Familien Englands. Thomas Boleyn hegte großen Ehrgeiz, der sich auch auf seine Kinder Mary, George und Anne erstreckte. Er brachte Anne schon in jungen Jahren am Hof Margaretes von Österreich, Statthalterin der Niederlande unter, von wo aus sie schließlich ihre Ausbildung am französischen Hof fortsetzte.

Anne war ein wißbegieriges Kind. Schon bald sprach sie fließend französisch, erlangte eine ausgezeichnete, generelle Bildung und eignete sich alle Fähigkeiten an, die damals am Hofe gewünscht waren: Tanz, Musik, Konversation. War sie wahrscheinlich gar nicht von solch umwerfender Schönheit, wie sie ihr heute zugesprochen wird, wusste sie jedoch, ihre Ausstrahlung und ihre Intelligenz einzusetzen. Als sie schließlich 1523 nach England zurückkehrte und als Hofdame der Königin ihren Dienst bei Hof antrat, war sie mehr Französin als Engländerin, brachte die französische Mode und Kultur mit sich und verdrehte nach und nach fast allen Männern am Hof den Kopf.

 

Stern des Hofes

Einer der begehrtesten Junggesellen, Henry Percy, Erbe des Earls von Northumberland, hofierte Anne schon bald. Für Anne, letztlich nicht von außergewöhnlich hohem Stand, war er eine sehr gute Partie. Percy war jung, reich und vernarrt in Anne. Hätten beide ihren Willen bekommen, wäre Anne vermutlich alt geworden und in ihrem Bett gestorben – doch heute würde niemand ihren Namen kennen.

Der Grund, aus dem Heinrichs Minister Thomas Kardinal Wolsey die Verbindung der beiden Liebenden zerschlug, ist nicht vollends bekannt. Entweder war der König, der zu jener Zeit jeder Eheschließung des Adels zustimmen musste, der Meinung, Anne wäre von zu geringem Stand für Percy, oder Heinrich VIII. hatte bereits selbst ein Auge auf Anne geworfen. Wie auch immer es gewesen war: Anne war zutiefst unglücklich und gekränkt und erkor Kardinal Wolsey zu ihrem Erzfeind.

Mary BoleynAnnes Schwester Mary Boleyn hatte eine etwas andere Herangehensweise an das Leben und ihre Zukunft. Sie war ebenfalls einige Jahre zur Ausbildung am französischen Hof gewesen, wo sie gerüchtehalber die Geliebte Königs Franz I. wurde. Bereits kurz nach ihrer Rückkehr nach England, noch bevor Anne zurückkehrte, wurde sie die Geliebte Heinrichs. Mary wurde bald an einen Höfling verheiratet, was ihrer Affäre vermutlich keinen Abbruch tat. Weiter erhielt sie jedoch keine Vergünstigungen, was sonst bei königlichen Mätressen üblich war, und als Heinrich schließlich das Interesse an Mary verlor, stand sie mit leeren Händen und dem Gespött des Hofes da. Vermutlich begann Heinrichs Interesse an Anne zu jener Zeit. Anne jedoch hatte das Beispiel ihrer Schwester warnend vor Augen – und erwiderte die Avancen des Königs, machte jedoch klar, dass sie ihn nur in ihr Bett lassen würde, wenn er sie zur Frau nähme.

Heinrich VIII. war es nicht gewöhnt, dass ihm etwas vorenthalten wurde, und es schien ihn buchstäblich rasend zu machen. Die Frage, ob seine Ehe mit Katharina von Aragon, die lediglich eine Tochter hervorgebracht hatte, rechtmäßig sei, stand bereits im Raum. Heinrichs Verlangen nach Anne brachte ihn sicherlich dazu, die Klärung dieser Frage voranzutreiben.

Anne spielte ein gefährliches Spiel. Zwar war Heinrichs wahre Grausamkeit und Skrupellosigkeit noch nicht offenbar geworden, aber dennoch war man sich bewusst, was es bedeutet, den Unwillen des Königs auf sich zu ziehen. Und Anne verlangte nicht wenig für ihre Gunst. Um Anne heiraten zu können, musste Heinrich es mit dem einzigen Gegner aufnehmen, den er bislang stets als sich übergeordnet betrachtet hatte: die Kirche.

 

Dame des Königs

Das Scheidungsverfahren zog sich lange hin, und da Heinrich Anne nicht zu seiner Königin machen konnte, überhäufte er sie und ihre Familie mit Titeln und Ländereien. Bald war Anne des Königs offizielle „Gefährtin“. Währenddessen ging der normale Hofalltag weiter, und Katharina und Anne waren gezwungen, miteinander Umgang zu pflegen. AnnAnne Boleyne glaubte sich kurz vor dem Ziel und äußerte gar einmal, sie würde Katharina eher hängen sehen als sie als ihre Herrin anzuerkennen. Am Hof und vor allem im Volk verschaffte ihr dieses Verhalten sehr bald Feinde. Und noch immer wollte Katharina nicht nachgeben.

Schließlich gab Anne, die dem Gedankengut von Luther und seinen Genossen gegenüber aufgeschlossen war, Heinrich William Tyndales „Obedience of a Christian Man“. Dieses Buch vertrat die Meinung, dass die Herrschaft über die Kirche nicht dem Papst, sondern dem König zustehen sollte. Heinrich begann, den Weg zu beschreiten, der in der Loslösung von Rom und der Etablierung der anglikanischen Kirche, mit dem König als Oberhaupt, endete.

Katharina wurde vom Hof verbannt, ohne dass Heinrich sich, nach mehr als 20 Jahren Ehe, von ihr verabschiedete. Und auch Kardinal Wolsey, dem Anne Rache geschworen hatte, ging an dem Scheidungsverfahren zugrunde. Gegen Ende des Jahres 1532 spielte Anne schließlich ihren letzten Trumpf und gab sich Heinrich hin. Sie empfing prompt ein Kind – ein weiterer „Beweis“ dafür, dass sie, im Gegensatz zu Katharina, für den Erhalt der Dynastie sorgen konnte. Heinrich musste sich nun sputen, wenn das Kind nicht unehelich geboren werden sollte. Er und Anne heirateten in einer heimlichen Zeremonie. Heinrich verkündete die Loslösung von Rom, und seine neue Kirche erklärte die Ehe mit Katharina für ungültig. Annes Weg zum Thron war frei.

 

Königin von England

Am 31. Mai 1533 zog sie in feierlicher Prozession, durch eine große, aber nur verhalten jubelnde Menge, nach London, wo sie am 01. Juni in der Westminster Abbey zur Königin gekrönt wurde.

Signatur von Anne Boleyn als KöniginIhre Schwangerschaft war bereits deutlich fortgeschritten, und alle waren der Meinung, sie würde mit Sicherheit einen Jungen erwarten. Die Briefe, die die Geburt eines Prinzen ankündigten, waren bereits vorgeschrieben worden. Doch dann, am 07. September 1533 musste man den Briefen schnell noch einige Buchstaben hinzufügen, denn Anne gebar eine Tochter, die auf den Namen Elizabeth getauft wurde.

Heinrich und Anne machten gute Miene zum bösen Spiel, und ein Gesetz wurde verabschiedet, dass Elizabeth zur rechtmäßigen Thronerbin erhob, vor Katharinas Tochter Mary, die nun als Bastard galt.

Heinrich hatte Annes Temperament, ihre scharfe Zunge und ihre Dreistigkeit sicher attraktiv gefunden, als er noch um sie warb. Als nun Anne diese Angewohnheiten nicht ablegte, als sie seine Ehefrau war, führte zu zunehmenden Spannungen zwischen dem Königspaar. Als Anne dann 1534 eine Fehlgeburt erlitt, trug Heinrich sich mit ersten Gedanken, ob er sich von Anne trennen könnte, ohne zu Katharina zurückgehen zu müssen. Das Paar schien sich jedoch wieder zu versöhnen, doch die düsteren Wolken verschwanden nicht völlig.

Erneut hatte Heinrich seine Aufmerksamkeit anderen Frauen zugewandt, und anders als Katharina, die sicher bereits von ihrer Mutter gelernt hatte, eine Frau in ihrer Position müsse vor solchen Amouren diskret die Augen verschließen, sah Anne überhaupt nicht ein, sich von Heinrich betrügen zu lassen. Mehrfach kam es zum Streit und hierbei soll Heinrich zu Anne gesagt haben, dass er sie nur in einem Augenblick länger als er gebraucht habe, sie zu erheben, erniedrigen könne.

Zwischen Anne und den Familien Boleyn und Howard stand ebenfalls nicht alles zum Besten. Anne litt zunehmend unter der Gefährdung ihrer Position. War sie doch selbst einst Hofdame gewesen und hatte dann die Königin vom Thron verdrängt, sah sie nun ihre eigenen Hofdamen als Bedrohung an. In protestantischer Tradition ordnete sie schlichte Kleidung für ihre Damen an, doch Heinrich ließ sich davon nicht abschrecken.

Annes Unbeliebtheit wuchs. Das Volk machte sie wurde dafür verantwortlich, dass jene, die den König nicht als Oberhaupt der Kirche anerkannten, unter dem Henkersbeil oder auf dem Scheiterhaufen starben. Auch dafür, dass die allseits beliebte Katharina ärmlich in heruntergekommenen Schlössern leben musste. Und nicht zuletzt dafür, dass sie den rechtschaffenen König vom rechten Weg abgebracht hatte. Anne wurde in den Augen des Volkes zur „Großen Hure“.

Anne wusste, dass sie für ewig in Sicherheit wäre, würde sie Heinrich einen Sohn gebären. Ihre Freude und zugleich ihre Angst, als sie erneut guter Hoffnung war, ist vorstellbar. Ein gesunder Sohn wäre ihre Rettung, eine Fehlgeburt vielleicht bereits ihr Untergang. Dass sie unter dieser Anspannung das Kind 1536 verlor, ist wenig überraschend. Es war ein Junge.

 

Unschuldig Schuldige

Heinrich gab Anne die alleinige Schuld und wollte sich nun endgültig von ihr trennen. Eine weitere Annulierung kam nicht in Frage, denn Heinrich wollte keine zweite Katharina riskieren, die sich ihm bis zu ihrem letzten Atemzug (den sie am 07. Januar 1536 tat) widersetzt hatte. Also musste Heinrichs Minister Thomas Cromwell sich um eine „endgültigere“ Lösung bemühen. Heinrich hatte bereits in der Hofdame Jane Seymour seine neue Liebelei gefunden, und nun war Anne im Weg.

Cromwell fand bald Anhaltspunkte, die sich mit genug bösem Willen zu einer Anklage wegen Ehebruch gegen Anne, was Hochverrat bedeutete, formen ließen. Ein Hofmusiker, der in Annes Gunst stand, wurde angeblich der Folter unterworfen, bis er schließlich den Ehebruch mit der Königin gestand. Vier weitere Männer, darunter Annes eigener Bruder George, wurden ebenfalls verhaftet, und am 2. Mai 1536 trat auch Anne den Weg zum Tower of London an – wo sie zuletzt in der Nacht vor ihrer Krönung gewesen war.

Der Constable des Towers war verpflichtet, jedes Wort festzuhalten, das Anne Boleyn in der Haft sprach, und so wissen wir heute, dass sie zwischen Verzweiflung und Zuversicht schwankte,

In zwei Prozessen, deren Ausgang allzu klar war, wurden alle Anklagten für schuldig befunden. Annes eigener Onkel, der Herzog von Norfolk, führte ihren Prozess. Henry Percy, Annes frühere Liebe, gehörte jenen an, die Anne für schuldig befanden. Kaum hatte Percy diese Worte ausgesprochen, brach er zusammen und musste aus dem Raum getragen werden. Er starb kinderlos acht Monate später.

Anne hatte ihre Unschuld beteuert und keine Schuld außer Eifersucht und mangelnder Demut zugegeben. Nichtsdestotrotz lautet das Urteil, Anne Boleyn würde, nach des Königs Wunsch, entweder geköpft oder verbrannt werden. Zwei Tage später wurden ihre angeblichen Liebhaber hingerichtet. Am gleichen Tag wurde Annes Ehe mit dem König für ungültig erklärt, was die Absurdität des Ganzen nur unterstreicht. Denn wenn Anne nie die rechtmäßige Ehefrau des Königs gewesen war, wie kann sie dann Ehebruch begangen haben?

Annes Hinrichtung wurde für den 19. Mai festgesetzt. Ihre Stimmung wurde Anne Boleyn im Tower, Edouard Cibot (1799 - 1877)makaber. Sie sagte, sie habe gehört, der Scharfrichter sei sehr gut, und sie habe einen schmalen Hals. Heinrich hatte, gnädig wie er war, einen Scharfrichter aus Calais kommen lassen, der mit dem Schwert arbeitete. Dies war wesentlich schneller als die in England übliche Henkersaxt. In einer Zeit ohne Telefon oder Flugzeuge musste der Henker jedoch bereits herbeigerufen worden sein, bevor der Prozess gegen Anne Boleyn überhaupt stattgefunden hatte. Soviel zu einem unvoreingenommenen Urteil.

Ihrer Unbeliebtheit zum Trotz: als ihre Hinrichtung näherrückte, hatte das Volk und vor allem die Frauen, Mitgefühl mit Anne, denn schließlich starb hier eine Mutter, die ihre nicht einmal dreijährige Tochter zurückließ. Anne bestieg auf dem Tower Green das Schafott und richtete noch einige Worte an die Zuschauer, wobei sie Gott bat, den König zu schützen und ihm eine lange Herrschaft zu schenken.

Nach nur einem Schwertstreich starb Anne Boleyn und wurde in aller Stille in einem namenlosen Grab in der Kapelle St. Peter ad Vincula innerhalb des Tower beigesetzt. Bei Renovierungsarbeiten zu Zeiten von Königin Viktoria wurden ihre Überreste gefunden, und nun ziert eine Bodenplatte die Stelle von Anne Boleyns letzter Ruhestätte.

 

Inspiration für Generationen

Hatte Anne Boleyn auch ihre Fehler in ihrem Stolz, ihrer Arroganz, ihrem Egoismus – ihr Durchsetzungsvermögen und ihre Intelligenz sind, gerade für eine Frau ihrer Zeit, beeindruckend. Ihre vielschichtige Persönlichkeit, ihr schwindelerregender Aufstieg und ihr tragischer Tod haben sie zur Legende gemacht. Ihre Tochter herrschte mehr als vier Jahrzehnte über England und führte es in ein goldenes Zeitalter. Auch wenn Elizabeth selbst selten über ihre Mutter sprach, verehrten die englischen Protestanten Anne lange als Befreierin vom katholischen Joch.

In den Jahrhunderten nach ihrem Tod wurde Anne Boleyn ein Liebling der Maler, Komponisten und Filmemacher. Und so wurde sie zu einer der bekanntesten Königinnen, die England je erlebt hatte.

 

Geschichten & Legenden über Anne Boleyn

  • Jedes Jahr am 19. Mai, Annes Todestag, legen die Yeoman Warder des Tower ein Rosengesteck eines anonymen Absenders an ihrem Grab nieder.
  • um Anne zu diffamieren, wurden ihr körperliche Abnormitäten angedichtet, die ihre Identität als Hexe beweisen sollten. Ihre Umbettung im 19. Jahrhundert verwies jedoch den angeblichen sechsten Finger ins Reich der Legenden.
  • Annes Geist ist furchtbar beschäftigt. Sie spukt sowohl im Tower als auch in Blickling Hall und Hever Castle, zwei Schlösser ihrer Familie.
  • Im 18. Jahrhundert verbreitete eine sizilianische Gemeinde die Legende, Anne Boleyn würde für ihre Ketzerei auf ewig im Ätna brennen. Dies sollte den Tourismus ankurbeln.
  • Annes Körper wurde in einer Pfeilkiste begraben, da kein Sarg für sie bereitgestellt worden war. Mit Kopf hätte sie nicht hineingepasst.
  • als Annes Kopf fiel, spielte Heinrich Tennis. Im Anschluss machte er sich auf den Weg zu Jane Seymour.
  • als Anne sich von ihrer Tochter Elizabeth verabschiedete, gab sie ihr angeblich einen Ring mit einem Portrait von sich. Elizabeth trug diesen Ring bis zu ihrem Tod.

Die sechs Frauen Heinrichs VIII.:

Katharina von Aragon

Jane Seymour

Anna von Kleve

Katherine Howard

Catherine Parr

 

 

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