Wo Heinrich VIII. lebte und liebte: Hampton Court Palace

Hampton Court  – der königliche Palast an der Themse. Heimat vieler englischer Monarchen im Lauf der Jahrhunderte, doch mit dem legendären Tudorkönig Heinrich VIII. und seinen sechs Frauen wird Hampton Court am stärksten in Verbindung gebracht.

Ich habe Hampton Court im Jahr 2010 zum ersten Mal besucht und war vollkommen begeistert. Als nun Tanja Praske zur Blogparade „Das müsst Ihr sehen: Mein Kulturtipp“ rief, war alles klar: Ihr müsst Hampton Court sehen!

Hampton Court: Die Geschichte

Hampton Court Palace

„Hampton Court Great Gatehouse“ by Steve Cadman from London, U.K. – Hampton Court. Licensed under CC BY-SA 2.0 via Commons –

Hampton Court Palace liegt am Ufer der Themse, südwestlich von London und eine etwa halbstündige Zugfahrt entfernt. Der Palast war ursprünglich der vielgeliebte Besitz von Thomas Wolsey, Erzbischof von York und Lordkanzler Heinrichs VIII. Doch als Wolsey es nicht vermochte, die päpstliche Zustimmung zu Heinrichs Scheidung von seiner ersten Frau, Katharina von Aragon, zu erreichen, begann sein Stern zu sinken. Schon seit längerem war aufgefallen, dass sich Pracht und Luxus von Hampton Court mit dem Hof des Königs messen konnte. Heinrich soll während eines Aufenthalts im Palast Wolsey gefragt haben, was einen Untertan dazu brächte, einen Palast zu errichten, der eines Königs würdig wäre. Woraufhin Wolsey, sicher mit einem gehörigen Maß an Verzweiflung, erwidert haben soll: Um dem König diesen Palast zum Geschenk zu machen. Leider hielt auch dieses großzügige Präsent Wolseys Sturz nicht auf, und er starb zwei Jahre später auf dem Weg zum Tower.

Heinrich nahm den Palast in Besitz und nahm umfangreiche Erweiterungen vor, um seinen über 1000 Personen umfassenden Hofstaat unterzubringen. Er steckte nach heutigem Wert etwa 18 Mio. Pfund in den Ausbau, wobei u.a. die bereits großen Küchen vervierfacht wurden. Auch für seine Nachfahren spielte der Palast eine große Rolle, und Hampton Court blieb für mehr als ein Jahrhundert ein Zentrum des englischen Hoflebens.

Südliche Front von Hampton Court im Barockstil

Doch als dann das Königspaar Mary II. und William III. Ende des 17. Jahrhunderts an der Macht waren, galt Hampton Court und sein Tudorstil als hoffnungslos altmodisch. Der Barockstil von Versailles war en vogue, also was passierte? Unter Christopher Wren, dem Architekten der neuen St. Paul’s Cathedral, wurden Teile von Hampton Court abgerissen und im modernen Stil neu erbaut. Bis heute präsentiert der Palast zwei völlig unterschiedliche Gesichter: Die rote Backsteinfront im Tudorstil im Westen, die pompös-geometrische Wo die beiden Welten von Hampton Court aufeinandertreffenBarockfront im Süden. Die unterschiedlichen Bauwerke treffen sogar unvermittelt, Mauer an Mauer, aufeinander. Ursprünglich war geplant gewesen, den gesamten Palast mit Ausnahme der großen Halle abzureißen und neu zu bauen. Zu unserem Glück fehlten dafür Zeit und Geld.

Hampton Court: Sehenswürdigkeiten

Leider fanden die Privatgemächer Heinrichs VIII. unter Wren ihr Ende, doch einige der aufsehenerregenden Tudor-Räume können noch heute bewundert werden.

Hampton Court: Great Hall

In der 32 m langen Great Hall wurde zu Heinrichs Zeiten getafelt und gefeiert. Bis heute hängen große, golddurchwirkte Wandteppiche in der Halle, die im 16. Jahrhundert so teuer waren wie ein Schlachtschiff – pro Stück. Neben der Tür der Halle findet sich in einer Holzschnitzerei ein rares Detail: Die verschlungenen Initialen von Heinrich und seiner zweiten Frau Anne Boleyn. Diese entgingen nach der Hinrichtung Annes der Zerstörung oder Umarbeitung zu den Initialen der dritten Frau. Heinrichs und Annes Initialen in der Great Hall in Hampton CourtHinter der Halle befindet sich die Great Watching Chamber, die einst den Zugang zu Heinrichs Privatgemächern bildete. Hier findet sich noch eine echt tudorsche Deckenverzierung mit dem Wappen von besagter dritter Ehefrau, Jane Seymour. Und: In diesem Raum haben wir uns verlobt.

Auch die königliche Kapelle hat überlebt, und die Galerie davor wird noch heute Haunted Gallery genannt. Hier entkam Katherine Howard, ihres Zeichens fünfte Ehefrau Heinrichs VIII., den Wachen, die sie in Haft nehmen sollten. Sie rannte gen Kapelle, in der ihr Ehemann betete. Sie wollte zu ihm, um ihn um ihr Leben anzuflehen. Doch an der Tür der Kapelle fingen die Wachen sie und zerrten sie davon. Heinrich betete seelenruhig weiter. Auf der Galerie soll man seitdem ihre Schreie hören. Auch Jane Seymour, Anne Boleyn sowie die Kinderfrau Sybil Penn sollen durch den Palast spuken.

Im „neuen“ Teil des Palasts können königliche Gemächer aus dem 17. und 18. Jahrhundert besichtigt werden. Ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert stammen die 24 Hektar großen Gärten des Palastes. Hier finden geneigte Besucher The Great Vine, den größten Weinstock der Welt, sowie den berühmten Irrgarten von Hampton Court. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Die Gärten sind sogar Ende November noch schön. Ende Mai im Sonnenschein müssen sie atemberaubend sein.

Warum nach Hampton Court?

Hampton Court ist einer der Orte, an denen eins der interessantesten Kapitel der englischen Geschichte am lebendigsten ist. Die Vorstellung, dass hier Heinrich VIII., seine Ehefrauen und seine Kinder gelebt haben, sich hier so viele Dramen und Skandale ereignet hatten, dass Shakespeare in der Great Hall seine Werke zitiert hatte, war großartig. Hier hatte Anne Boleyn mit dem König getanzt, auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Hier war Heinrichs einziger überlebender Sohn zur Welt gekommen, hier war Jane Seymour gestorben.

Hampton Court: Heinrich VIII. und zwei Hofdamen

Historic Royal Palaces, die Organisation, die Hampton Court betreut, gibt sich große Mühe, die Geschichte des Palastes lebendig werden zu lassen. Die kostümierten Führer nehmen im Wechsel Rollen aus verschiedenen Epochen der Palastgeschichte ein und lassen den Hof der Tudor-, Stuart oder Georgian-Zeit auferstehen. Sogar die Besucher können sich in Umhänge jener Zeit kleiden, wenn sie Hampton Court erkunden. Und es finden nicht einfach Führungen statt, sondern es werden Teile des Hof-Lebens aufgeführt. Man hört sich den neuesten Hofklatsch an, nimmt am Rat des Königs oder einer Audienz teil. Oder man erlebt mit, wie der König oder die Königin für den Tag angekleidet werden oder sich abends zu Bett begeben.

In den Küchen, die einst Heinrichs Hofstaat bewirteten, finden historische Kochvorführungen statt. Meist aus der Zeit der Tudors, aber in diesem Jahr des Jubiläums der Personalunion wird auch die „Chocolate Kitchen“ der Georgians präsentiert. Zur Weihnachtszeit werden die Feierlichkeiten der Tudorzeit nachgestellt. Die Besucher können zwischen dem 27.12. und Neujahr miterleben, wie Weihnachten am Hof des großen Königs begangen wurde. Und natürlich dürfen sie in einem Palast mit solch dramatischer Geschichte nicht fehlen: Die Ghost Tours, auf den Spuren übersinnlicher Phänomene im nächtlichen Palast.

Wer sich also für die Geschichte der englischen Monarchie, und vor allem natürlich für die Dynastie der Tudors interessiert, oder wer sich für beeindruckende Bauwerke der Renaissance und des Barock interessiert, wird in Hampton Court auf seine Kosten kommen. Man kann problemlos mehrere Stunden oder auch einen ganzen Tag dort verbringen. Die Räume und die Gärten besichtigen, sich im Irrgarten verlaufen, die Gift Shops plündern, in authentischer Atmosphäre speisen und sogar am Gottesdienst in der königlichen Kapelle teilnehmen.

Ich werde auf jeden Fall bei nächster Gelegenheit noch einmal nach Hampton Court reisen und mich in der Faszination der Vergangenheit verlieren.

photo credit: IMG_1906 by longplay via photopin cc


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6 Kommentare

  1. Liebe Stefanie,

    vielen herzlichen Dank für deinen gehaltvollen Ritt zurück in die Vergangenheit – was für ein herrlicher Ort!

    Ich kann dir absolut nachvollziehen, dass mit dem Wissen um Intrigen und Skandale ein historischer Ort lebendiger und einprägsamer wird. Mir ergeht es auch so, wenn ich ein Schloss aufsuche, über das ich vorher vielleicht noch gearbeitet habe.

    Nochmals vielen Dank für deine Teilnahme an meiner Blogparade #KultTipp!

    Schöne Grüße
    Tanja

  2. Pingback:Blogparade-Aufruf: "Das müsst ihr sehen: mein Kultur-Tipp"

  3. Danke für diesen tollen Post! Werde ihn nochmal en détail lesen, wenn ich wieder nach Hampton Court komme, denn sobald möglich, möchte ich meinen Töchtern das Schloss zeigen. Finde es schön, wie Du Fakten kompakt zusammenbringst, „nodrkomplott“ wird gebookmarkt!

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