Stimmen aus dem Grab: Der Geist von Anne Boleyn

Anne Boleyn, unglückliche Königin Heinrichs VIII., starb 1536 auf dem Schafott des Towers von London. Sie war wegen Ehebruch, Hexerei und Verschwörung zum Mord am König verurteilt worden, doch schuldig war sie vermutlich keiner dieser Taten. Nicht überraschend also, dass seit Jahrhunderten in ganz England berichtet wird, Annes Geist würde noch heute umherwandeln.

 

Hever Castle

 

Hever Castle in Kent war Anne Elternhaus. Es wird erzählt, Heinrich habe um Anne unter der großen Eiche, die noch heute vor dem Schloss steht, geworben.

Stimmen aus dem Grab: Der Geist von Anne Boleyn

Die berichteten Erscheinungen von Annes Geist in Hever sind nur wenig gruselig. Vielleicht deswegen, weil Anne an den Ort zurückkehrt, den sie einst sehr geliebt hatte, um Frieden zu finden. Jeden Heiligabend wird sie gesehen, wie sie die Brücke über den Fluß Eden überquert und das Burggelände betritt. Auch unter der besagten Eiche hat man sie stehen gesehen.

 

Hampton Court Palace

Stimmen aus dem Grab: Der Geist von Anne BoleynAnne geistert auch durch Hampton Court Palace, das berühmte Tudorschloss an der Themse. Sie trägt ein blaues Kleid und geht langsam und mit trauriger Miene durch die Gänge. Man fragt sich, ob sie jemals dem Geist ihrer Nachfolgerin Jane Seymour begegnet, die in Hampton Court am 24. Oktober 1537 im Kindbett starb, keine eineinhalb Jahre nach Annes Hinrichtung. Jane wurde im Clock Court gesehen, in einem weißes Gewand mit einer Kerze in der Hand. Noch mehr Gesellschaft bekommen die Damen durch Annes Cousine und Heinrichs fünfte Königin Katherine Howard. Die noch als Teenager unter dem Henkersbeil gestorbene Katherine soll noch heute durch die Galerie Hampton Courts vor ihren Wachen fliehen und verzweifelt gegen die Tür der königlichen Kapelle schlagen. Sie flehte Heinrich, der sich im Gebet befand, an, sie anzuhören, doch die Wachen ergriffen sie und zerrten die schreiende Katherine zurück in ihre Gemächer. Und auch Lady Sybil Penn, ehemalige Kinderfrau Edwards VI., soll durch den Palast spuken.

 

Windsor Castle

Auf Schloss Windsor, bis heute das Zuhause der königlichen Familie, treffen sich scheinbar auch frühere, royale Generationen. Anne Boleyns Geist sah man an einem Fenster im Kreuzgang des Dekans stehen. Auch Heinrich soll dort umhergehen; man hört seine schweren Schritte und sein Stöhnen, wenn er sein offenes Bein nachzieht. Und auch Heinrichs und Annes Tochter Elizabeth I. wurde auf Windsor bereits gesehen, angeblich sogar von Mitgliedern der königlichen Familie. Man hört ihre Schritte, bevor sie dann in der königlichen Bibliothek erscheint und zu einem angrenzenden Raum geht. Sie soll ebenfalls im Kreuzgang des Dekans stehen, in schwarzer Kleidung. Man könnte sich fragen, ob sie sich wohl begegnen und was sie einander zu sagen hätten. Ob Anne stolz auf ihre Tochter ist, die sie zu Lebzeiten nur als Kleinkind kannte?

 

Blickling Hall

 

Die schauerlichste Geschichte liefert Blickling Hall in Norfolk, wahrscheinlich Anne Boleyns Geburtsort. Es heißt, jedes Jahr am 19. Mai, dem Jahrestag ihres Todes, würde Anne um Mitternacht nach Blickling Hall zurückkehren. Eine Kutsche fährt vor dem Schloss vor, gezogen von sechs kopflosen Pferden und gelenkt von einem kopflosen Kutscher. Annes Geist sitzt in der Kutsche, in weiß gekleidet und mit ihrem abgetrennten Kopf auf dem Schoß. Pferde und Wagen verschwinden, und Anne betritt das Schloss, um es bis zum Tagesanbruch zu durchstreifen.

Am gleichen Tag ist auch George Boleyn, Annes Bruder, der wegen Blutschande mit seiner Schwester hingerichtet wurde, zu sehen. Sein Geist wird von vier kopflosen Pferden über die Landschaft geschleift. Sein kopfloses Gespenst wurde auch gesehen, wie er über das Gelände des Anwesens wandert, vielleicht auf der Suche nach Frieden und Gerechtigkeit.

Auch ihr Vater Sir Thomas Boleyn findet keine Ruhe. Ihm wird nachgesagt, er habe seine Kinder ihrem Schicksal überlassen, um seine eigene Haut zu retten. Einige sagen, sein Geist ist der Fahrer der Kutsche, die Anne am Jahrestag ihrer Hinrichtung vor Blickling Hall absetzt. Anschließend fährt er weiter, verfolgt von Horden schreiender Dämonen, die ihn für seinen Verrat an seiner Familie verfluchen. Als Strafe muss er seine geisterhafte Kutsche für ein Jahrtausend über die zwölf Brücken zwischen Wroxham und Blickling fahren.

 

Tower of London

Wenig überraschend ist der Tower der Ort, an dem Anne Boleyn am aktivsten spukt, denn hier fand ihr Leben sein tragisches Ende. Anne Boleyns Geist wurde an mehreren Orten im Tower gesehen: im White Tower, dem Ort ihres Prozesses, im Queen’s House, in dessen Vorgängergebäude sie angeblich sowohl vor ihrer Krönung als auch vor ihrer Hinrichtung untergebracht wurde, auf dem Tower Green, wo ihr Schafott stand, und in der Kapelle St. Peter ad Vincula, wo sie begraben liegt.

1817 soll eine Wache an einem Herzschlag gestorben sein, nachdem er dem Geist von Anne Boleyn begegnet war. 1864 berichtete eine weitere Wache von einer Begegnung auf dem Tower Green mit einer nebelverhüllten Gestalt in einem Tudorkleid. Die Gestalt trug eine Haube im französischen Stil, wie Anne sie getragen hatte, doch wo ihr Gesicht hätte sein sollen, war nichts zu sehen. Als die Gestalt auf eine Warnung nicht reagierte und näher kam, stieß die Wache mit seinem Bajonett zu, doch die Waffe ging widerstandslos durch die Gestalt, und die Wache wurde von einer Art Blitz getroffen und fiel in Ohnmacht. Weil man dachte, die Wache wäre im Dienst eingeschlafen, stellte man den Mann vor ein Kriegsgericht, sprach ihn jedoch frei, da ein Augenzeuge das Geschehen bestätigte.

Auch auf ihrem Grab fand eine aufsehenerregende Sichtung von Annes Geist statt. Im späten 19. Jahrhundert bemerkte der Hauptmann der Wache ein Licht in der eigentlich leeren Kapelle St. Peter ad vincula. Als er durch das Fenster sah, sah er diese Szene:  Eine Prozession von Rittern und Damen in altertümlichen Kostümen zog die Kapelle entlang, angeführt von einer eleganten weiblichen Gestalt mit abgewandtem Gesicht, deren Kleidung jedoch den Portraits von Anne Boleyn sehr ähnelte. Die Prozession durchquerte die Kapelle mehrmals, bis sie schließlich verschwand.


Annes letzte Ruhestätte

Ob man diesen Betrachtungen glaubt oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Vieles um Anne Boleyn ist im Mysterium der Zeit verschollen. Nicht einmal die genaue Lage ihres Grabes ist sicher, denn im 19. Jahrhundert wurden bei der Renovierung der Kapelle St. Peter ad vincula einige Skelette exhumiert und neu beigesetzt. Ein Wissenschaftler identifizierte zwar Annes Skelett, doch sicher kann man sich keineswegs sein, dass Annes sterbliche Überreste auch wirklich dort liegen, wo eine schlichte Steinplatte auf dem Boden der Kapelle ihren Namen trägt.

Jedes Jahr zu ihrem Todestag läßt ein unbekannter Spender dort ein Rosenbouquet niederlegen, das in diesem Video zu sehen ist. Ob Anne nun noch auf Erden wandelt oder nicht, ihre Geschichte berührt nach wie vor viele Menschen.

 

Quellen:

http://www.theanneboleynfiles.com/the-ghost-of-anne-boleyn/

http://www.theanneboleynfiles.com/where-is-anne-boleyn-buried/

http://www.kentnews.co.uk/news/is_this_the_ghost_of_anne_boleyn_captured_on_film_1_2828882

http://myths.e2bn.org/mythsandlegends/view_myth.php?id=17

http://www.ghost-story.co.uk/index.php/ghost-stories/341-the-ghost-of-queen-anne-boleyn

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16 Kommentare

  1. Das ist abr eine interessante Zusammenfassung!

    Im Korridor von Hampton Court lag ich auch schon mit Langzeitbelichtung auf der Lauer. Aber nix zu sehen. Und nichtmal ein Windhauch zu spüren.

    Lustigerweise war im Schloss grade eine Ausstellung mit Geisterfotos: http://www.burgerbe.de/2011/04/28/hampton-court-heinrich-viii-hochzeit-des-koeniglichen-frauenmoerders/

  2. Pingback:» Hampton Court: Zu Gast bei der Hochzeit des königlichen Frauenmörders Burgerbe-Blog

  3. Ja, wirklich interessant. (Und geben Sie es zu, Stefanie, Anne fasziniert Sie auch. Sie muß wirklich außergewöhnlich gewesen sein. Die Bilder können sie nur unzureichend wiedergeben. Natalie Portman trifft es im Film besser. Lassen wir mal die Unzulänglichkeiten des Films als solchem außer acht. Aber so stelle ich mir sie vor. Und ich verstehe Heinrich. Was ist schon ein Königreich gegen Natalie Portman? Ähm, sorry.)

  4. @Jan: Vielen Dank! Habe Deinen Artikel mit großem Interesse gelesen, ich war nur ein paar Monate vorher in Hampton Court und habe die gleichen Reenactor gesehen 🙂 Ich muss zugeben, dass ich, die Geistergeschichte von Katherine Howard kennend, auf der Galerie sogar das Gefühl hatte, mir wäre irgendwie komisch – bis ich dann merkte, dass ich im falschen Flur stand und mich nur in die Sache reingesteigert habe 🙂 Ich habe imer noch keine rechte Meinung, ob ich an Geister glaube… aber eigentlich denke ich, dass es meistens logische Erklärungen gibt. Vielleicht.

    @André: Klar! Ich finde alle sechs Frauen interessant, aber Anne ist meine Nummer 1. Auch und gerade, weil sie nicht einfach nur durch Schönheit (so schön war sie ja angeblich gar nicht), sondern durch Intelligenz und Persönlichkeit gepunktet hat – genau wie ihre Tochter.

    Ich bin noch unentschieden, welche Film-Anne Boleyn mir am besten gefällt, aber ich tendiere eigentlich weniger zu Natalie Portman und mehr zu Genevieve Bujold (Anne of the 1000 days), Dorothy Tutin (Six Wives of Henry VIII.) oder Helena Bonham Carter (Henry VIII.).

  5. Jetzt wird es nicht nur interessant, sondern hochinteressant. Helena auch? Jetzt werd ich wild. Da gibt es doch da igendwo einen Shop, habe ich gesehen?

  6. Ah. Gibt es nur in England. Hast du Flattr oder sowas?

  7. Suchst Du die Verfilmung mit Helena Bonham Carter? Findet sich in meinem Shop unter Historische Filme – Renaissance. Habe gerade die deutsche DVD gefunden und hinzugefügt.

    Nein, kein Flattr – aber Bannerwerbung 😀

  8. Oh, ich Schaf! Jetzt hab ichs gefunden. Flattr wär vielleicht trotzdem eine Idee. Hättest du ein Crowdfunding-Projekt, das dir am Herzen liegt? Ansonsten würde ich mich an http://www.denkmalschutz.de/ beteiligen.

  9. Okay. Spende ging an den Denkmalschutz. Stichwort „Sakralbauten“.

  10. Das ist okay, danke! Über Flattr werd ich mal nachdenken.

  11. Oh. Ich bin ganz hibbelig. Einer meiner Facebook-„Freunde“ hat gerade eine wunderbare Aufnahme des Joos-van-Cleeve-Porträts gepostet. Und ich kanns nicht teilen. Es geht nicht, weil „Nordkomplott“ kein „Freund“ ist, und das Bild in einer Galerie steckt, es also keinen richtigen Link gibt. Weiß jemand Rat?

  12. Achso: der „Freund“ ist: Medieval Imago & Dies Vitae Idade Media e Cotidiano

  13. Ja, super. Paßt! 🙂 (Paulo Marques ist allgemein ziemlich toll. Er Ist Historiker an der Universität von Porto Alegre in Brasilien. Er hat ein schönes Buch über René von Anjou geschrieben. Mein Portugiesisch ist leider nicht besonders. *g* Aber man kommt schon zurecht. Es ist toll illustriert.)

  14. Schauergeschichten sind wirklich was schönes. Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast sie zusammen zu tragen. Am besten haben mir die kopflosen Pferde in Blickling Hall gefallen.

    • StefanieNorden

      Hallo Claudia,

      vielen Dank, das freut mich! Ich find sowas auch immer sehr spannend. Überlege sogar, den Tudor-Geistergeschichten in meinem nächsten E-Book ein eigenes Kapitel zu widmen.

      Viele Grüße
      Stefanie vom Nordkomplott

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