Die sechs Frauen Heinrichs VIII.: Katherine Howard

Katherine Howard trat in Heinrichs Leben und damit ins Scheinwerferlicht der Geschichte, als sie noch ein Teenager war. Sowohl von Bildung als auch von Persönlichkeit her vollkommen ungeeignet für den Weg, der vor ihr lag, wurde sie dennoch von ihrer machthungrigen Familie als Instrument benutzt – und machte Fehler, die ihr den Tod bringen sollten.

 

Halbwaise

Das genaue Geburtsjahr von Katherine Howard ist nicht überliefert. Es wird angenommen, dass sie um 1523 das Licht der Welt erblickte, vielleicht auch erst 1525. Sie entstammte zwar einer der mächtigsten Familien Englands, doch zu Beginn ihres Lebens hatte sie nur wenig davon. Ihr Vater Edmund war der jüngere Bruder vonThomas Howard, dem dritten Herzog von Norfolk, und daher nicht erbberechtigt. Seine Frau Joyce Culpepper brachte fünf Kinder mit in die Ehe, und zusammen bekamen beide noch einmal zehn Kinder. Geld war daher immer knapp, und meistens war die Familie auf Zuwendungen der vermögenden Verwandtschaft angewiesen.

Als Katherines Mutter um 1531 starb und ihr Vater Katherine Howardeinen Posten im damals England zugehörigem Calais bekam, wurde Katherine in die Obhut ihrer Großmutter, der Herzoginwitwe von Norfolk, gegeben. Es war damals nicht unüblich, dass adlige Sprößlinge in anderen Haushalten großgezogen wurde. Die Herzoginwitwe beherbergte in ihrem Haus jedoch eine ungewöhnliche große Anzahl junger Leute: Mündel, Hofdamen, Kammerzofen, Pagen, Diener. Männer und Frauen schliefen in getrennten Gruppenschlafräumen. Die Aufsicht darüber, dass alles mit sittsam rechten Dingen zuging, übertrug die häufig am Königshof weilende Herzoginwitwe einigen älteren Damen. Diese ließen die Zügel schleifen und sich die Schlüssel zu dem Schlafraum regelmäßig stehlen – und ein munteres nächtliches Stelldichein nach dem anderen fand im Schlafraum der Damen statt.

Was nun geschah, kann man verschieden deuten. Katherine wurde bei einem Techtelmechtel mit ihrem Musiklehrer Henry Mannox erwischt, als sie gerade einmal 13, vielleicht erst 11 Jahre alt war. Das Pärchen wurde in flagranti erwischt, der Musiker gefeuert, und Katherine erhielt eine Standpauke. Aber war hier wirklich etwas passiert, das sie gewollt hatte? Oder haben wir es hier nicht mit einem liederlichen Mädchen, sondern einem Missbrauchsopfer zu tun? Zu jener Zeit galt ein Mädchen bereits mit 12 Jahren als alt genug für die ehelichen Pflichten – siehe Margaret Beaufort. Doch hier geht es nicht um eine Eheschließung, sondern um ein Mädchen, vielleicht noch ein Kind, dem sich ein deutlich älterer Mann, ihr Lehrer, unziemlich genähert hat. Schwierig zu sagen, was dort wirklich geschehen ist, und welche Auswirkungen dieses Ereignis auf Katherines zukünftiges Verhalten hatte.

Etwa zwei Jahre später bandelte Katherine mit dem wesentlich älteren Francis Dereham an, den sie nicht nur in ihr Bett ließ, sondern sogar versprach, ihn zu heiraten – angeblich.

 

Katherine Howard als Hofdame

Familienpolitik setzte der jungen Liebe doch bald ein Ende, als Katherine 1539/1540 die Möglichkeit bekam, als Hofdame Anna von Kleves an den Hof zu gehen. Die lebhafte und hübsche junge Frau fand sich schnell ins Hofleben ein, und schnell fiel das Auge des Königs auf sie. Heinrich steckte in seiner Ehe mit der ungeliebten Anna von Kleve fest, und die mehr als 30 Jahre jüngere Katherine dürfte eine hübsche Abwechslung gewesen sein.

Schnell bemerkten die Howards das Interesse des Königs an Katherine. Begierig, die schlechte Erinnerung, die das letzte Howard-Mädchen, Anne Boleyn, hinterlassen hatte, auszubügeln, wurde Katherine als neue königliche Favoritin aufgebaut. Nicht nur konnten die Howards so Heinrich einen verzweifelt gesuchten Ausweg aus seiner ungewollten Ehe bieten, sondern sie konnten sich ihre einflussreiche Stellung am Hof, die sie zu Zeiten Anne Boleyns gehabt hatten, zurück erobern.

Nun unterschied sich Katherine Howard in vielem von Heinrichs bisherigen Frauen. Sie konnte weder die Werke der größten Denker jener Zeit lesen und diskutieren, wie es Katharina von Aragon und Anne Boleyn konnten, noch hätte sie gar selbst ein Buch verfassen können, wie Catherine Parr es getan hatte. Katherine Howard konnte gerade einmal lesen und schreiben, und beides nicht besonders gut. Doch letztlich hatte Heinrich vielleicht auch genug von intelligenten Frauen, und nicht zuletzt begehrte er Katherine bestimmt nicht wegen ihres Intellekts. Es kam, wie es kommen musste: nach nur sechs Monaten ließ Heinrich die Ehe mit Anna von Kleve annulieren und führte Katherine Howard am 28.07.1540 zum Traualtar.

 

Die Kindkönigin

Der König war vernarrt in seine junge Königin und überschüttete sie mit Geschenken. Er nannte sie seine „Rose ohne Dornen“. Der alternde, von Gebrechen geplagte König blühte noch einmal auf. Auch wenn er leider mit dem jungen Wirbelwind Katherine nicht mithalten konnte: auf dem ersten, gemeinsam verbrachten Neujahrsfest musste Heinrich sich früh zurückziehen, während Katherine gemeinsam mit ihrer Vorgängerin Anna von Kleve gutgelaunt tanzte.

Die übrige Begeisterung für den sorglosen, oberflächlichen Teenager hielt sich in Grenzen. Katherine sah nicht ein, dass sie, wenn sie die Vorzüge einer Königin genoß, sich auch wie eine Königin verhalten musste. Auch Heinrichs Tochter Mary konnte sich mit ihrer etwa sieben Jahre jüngeren Stiefmutter nicht anfreunden. Andere Parteien hatten gänzlich andere Gründe, sich mit der neuen Königin zu befassen. Als sie so offensichtlich zu Ehren und Reichtum kam, erschienen ihr zahlreiche Geister der Vergangenheit. Zeugen ihres lockeren Lebens im Haushalt ihrer Großmutter Howard erkannten, dass die neue Königin wohl kaum wollen würde, dass diese Geschichten die Runde machten – und so kamen mehrere ihrer zahlreichen alten Bekannten zu Geld oder Ämtern. Ihre alte Flamme Francis Dereham wurde sogar ihr persönlicher Sekretär.

Doch nicht alle verfolgten mit ihrem Wissen dieses Ziel. Die katholischen Howards hatten Dauerfeinde in den protestantischen Würdenträgern und Familien am Hof. Berichte über das unschickliche Leben der Königin kamen zu Thomas Cranmer, dem Erzbischof von Canterbury und Pionier der protestantischen Bewegung in England. Dieser witterte eine Gelegenheit, den Katholiken im Land ihre aktuelle Gallionsfigur zu nehmen. Cranmer begann, sich umzuhören.

 

Betrügerin

Auch wenn Heinrich sich sicher bemühte: seine schwindende Gesundheit ließ das Sexualleben des Königspaares nicht unbedingt erblühen. Zudem kann nicht gerade davon ausgegangen werden, dass Teenie-Katherine den so deutlich älteren, übergewichtigen und von eitrigen Abzessen geplagten König begehrte. Eine Schwangerschaft stellte sich zu Heinrichs Enttäuschung nicht ein.

Bereits vor ihrer Ehe war sie dem jungen Höfling Thomas Culpepper, einem entfernten Verwandten ihrer Mutter, begegnet. Die jungen Leute fühlten sich zueinander hingezogen, doch bevor Schritte in Richtung einer Ehe unternommen werden konnten, fiel das Auge des Königs auf Katherine. Thomas blieb jedoch als einer der engsten Vertrauten und Kammerdiener des Königs in Katherines Nähe. Es kam, wie es kommen musste: Katherine und Thomas begannen eine Affäre. Wobei auch hier Zweifel angebracht sind, wer dabei die Zügel führte: Thomas Culpepper hatte erwiesenermaßen bereits zuvor eine Frau vergewaltigt und einen Mann, der ihn stoppen wollte, getötet. Der König hatte ihn, vermutlich aufgrund der persönlichen Nähe der beiden, begnadigt.

Katherines Hofdame Jane Boleyn ermöglichte dem jungen Paar geheime Stelldicheins. Jane war die Witwe des unglücklichen George Boleyn, der zusammen mit seiner Schwester Anne auf dem Schafott starb. Auch damals hatte Jane bei der Beschuldigung ihres Ehemannes ihre Rolle gespielt. Als nun jedoch andere Hofdamen und sogar Boten des Königs die Tür zu den Gemächern der Königin immer häufiger verschlossen vorfanden, kamen Gerüchte auf. Thomas Cranmer unternahm nun den ersten Schritt zu Katherines Vernichtung und teilte Heinrich mit, dass seine dornenlose Rose alles andere als eine tadellose Vergangenheit hatte. Heinrich schenkte den Anschuldigungen keinen Glauben, beauftragte Cranmer jedoch, der Angelegenheit auf den Grund zu gehen.Die 6 Frauen Heinrichs VIII.: Katherine Howard, Teil 2

Henry Mannox und Francis Dereham wurden verhaftet und gestanden. Katherine wurde in ihren Gemächern in Hampton Court Palace unter Arrest gestellt, ohne dass ihr zunächst der Grund mitgeteilt wurde. Sie befürchtete das Schlimmste. Und in ihrer Verzweiflung unternahm sie eine Tat, die noch heute für Geistergeschichten rund um Hampton Court sorgt. Sie entkam aus ihren Gemächern und versuchte, zu Heinrich zu gelangen, der in der königlichen Kapelle betete. Die Wachen fingen sie an der Tür der Kapelle ab und zerrten die schreiende Katherine durch die Galerie zurück zu ihren Gemächern. Auf diesem bis heute „Haunted Gallery“ genannten Flur soll von Zeit zu Zeit Katherines Schreien noch immer zu hören sein.

 

Todgeweihte

Thomas Cranmer verhörte Katherine, die schließlich vorehelichen Sex gestand. Dies war skandalös, aber kein Verbrechen und nicht einmal ein Grund zur Trennung, sofern kein Eheversprechen vorgelegen hatte. Katherine stritt stets ab, dass sie Dereham die Ehe versprochen habe. Für Cranmers Zwecke reichte dies nicht aus, also forschte er weiter. Schließlich entdeckte er die Affäre mit Thomas Culpepper, und im Verhör gab Jane Boleyn die geheimen Treffen zu. Ein eindeutiger Brief Katherines an Culpepper, der in dessen Gemächern gefunden wurde, besiegelte Katherines Schicksal.

Heinrich tobte und wollte Katherine gar eigenhändig hinrichten. Dereham und Culpepper wurden vor Gericht gestellt, für schuldig befunden und hingerichtet. 12 Tage später waren so viele Mitglieder der Howard-Familie verhaftet worden, dass es hieß, der Tower sei nicht groß genug für alle. Schnell wandte sich die ganze Familie ab und gab allen Katherine die Schuld an der Situation. Als Katherine mitgeteilt wurde, dass sie am kommenden Tag sterben wurde, bat sie darum, dass man ihr den Henkersblock bringen möge, damit sie damit üben könne. Sie hatte Unglauben, Leugnen und Nervenzusammenbruch bereits hinter sich. Und sicher hatte sie das Schicksal ihrer Cousine Anne Boleyn vor Augen, und die Würde, mit der diese in den Tod gegangen war.

Am 13.02.1542 war es soweit. Katherine war so schwach, dass man ihr die Stufen zum Schafott hinaufhelfen musste. Sie richtete noch einige Worte an die Anwesenden, in denen sie ihre Schuld gestand. Dann legte sie, wie sie es geprobt hatte, ihren Kopf auf den Block. Dort starb Katherine Howard, im Alter von wahrscheinlich erst 19. Kurz nach ihr starb die unheilvolle Jane Boleyn, inzwischen dem Wahnsinn anheim gefallen, auf dem gleichen Schafott.

Dummes Kind, Opfer, berechnendes Flittchen? Katherine Howard wurden bereits zahlreiche Etiketten verpasst. Und auch, wenn sich nur schwer durchschauen lässt, was mit ihr damals wirklich geschehen ist, denke ich, wir sollten uns unser Urteil über sie nicht allzu leicht machen.

Die sechs Frauen Heinrichs VIII.:

Katharina von Aragon

Anne Boleyn

Jane Seymour

Anna von Kleve

Catherine Parr

 

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.