Richard III.: 3 Mythen über den letzten Plantagenet-König

Richard III. kehrte 2012 ins Licht der Öffentlichkeit zurück, als seine Gebeine unter einem Parkplatz in Leicester gefunden wurden. An diesem Donnerstag findet seine lange Reise nun ihr überfälliges Ende, wenn Richard III. in der Leicester Cathedral zur ewigen Ruhe gebettet wird. Grund genug, sich ein zweites Mal mit Richard III. und seinem wahrscheinlich zu Unrecht schlechtem Ruf auseinanderzusetzen. Heute will ich einige Mythen, die über Richard III. kursieren, näher betrachten.

 

Richard III. war ein Usurpator

Richard hat laut der Meinung Vieler den Thron von England nicht geerbt, sondern an sich gerissen. Da mag grundlegend etwas dran sein, denn sein Vorgänger Edward IV., Richards Bruder, hatte zwei Söhne, die nach ihm den Thron hätten besteigen sollen. Doch Edward IV. starb unerwartet mit gerade einmal 40 Jahren, als seine Söhne erst 12 und 9 Jahre alt waren. Anstelle des jungen Königs hätten wohl eher dessen Mutter Elizabeth Woodville und ihre ehrgeizige Familie geherrscht. Naheliegend also, dass Richard nach dem Thron griff, um das zu verhindern. Dass zeitgleich der Bischof von Bath und Wells die königlichen Kinder gleich komplett zu Bastarden erklärte, kam zu einem zu praktischen Zeitpunkt, um wirklich Zufall zu sein. Richard III. hatte also die perfekte, öffentlichkeitswirksame Begründung zur Hand, den Thron an sich zu nehmen.

Richard III.: 3 Mythen über den letzten Plantagenet-König

Man muss natürlich bedenken, dass Richard wahrlich nicht der einzige König war, der durch Gewalt an die Macht kam. Sowohl sein Vorgänger Edward IV. als auch sein Nachfolger Heinrich VII. wateten durch Blut zum Thron, von ihrem Vorfahr Heinrich IV. oder natürlich Wilhelm dem Eroberer (na, wieso heißt er „Eroberer“ und nicht „Usurpator“?) ganz zu schweigen. Doch irgendwie scheint man nur Richard III. den Thronräuber-Stempel aufzudrücken.

 

Richard III. war ein Krüppel

Der berühmt-berüchtigte Buckel. Dass sein Portrait verfälscht und eine Schulter weiter nach oben gesetzt wurde, um einen Buckel anzudeuten, weiss man inzwischen. Die Tudorzeit ließ halt nichts unversucht, um aus Richard III. ein Ungeheuer zu machen. Doch sein Skelett zeigt: Richard litt in der Tat an Skoliose, eine Verkrümmung der Wirbelsäule. Doch er hatte schon in jungen Jahren einen Ruf als Soldat und Feldherr. Mit einem Buckel, der normale Bewegung verhindert hätte, wäre dies kaum möglich gewesen. Hier haben seine Feinde also vermutlich ein real vorhandenes Leiden deutlich übertrieben, um seinen Ruf noch weiter zu dämonisieren.

 

Richard III. war ein gewissenloser Mörder

Hier haben vor allem William Shakespeare und Thomas More ihre Hände im Spiel. Seine Neffen, seine Ehefrau, seinen Bruder George, König Heinrich VI., dessen Sohn Edward, Elizabeth Woodvilles Bruder und Sohn aus erster Ehe, um nur einige zu nennen… die Liste der Leute, die Richard III. angeblich ermordet hat, ist lang.

Was mit Richards Neffen, den „Prinzen im Tower“ geschah, wird wohl nie gänzlich geklärt werden – was aber nicht bedeutet, dass Richard der einzig mögliche Verdächtige wäre. Man weiss ja noch nicht mal, ob sie überhaupt zu seinen Lebzeiten starben. Anthony Rivers und Richard Grey, Bruder und Sohn von Elizabeth Woodville, ließ Richard hinrichten, weil er sie des Verrates für schuldig fand – ein Tod, der zu jener Zeit über viele Menschen unter vielen Königen kam. Richards Bruder George wurde ebenfalls hingerichtet, jedoch noch zur Zeit von Edward IV. Heinrich VI. starb ebenfalls noch zu Zeiten Edwards IV. und wurde vermutlich im Tower ermordet. Ja, da hatten die Söhne von York recht wahrscheinlich ihre Hände im Spiel. Heinrichs Sohn Edward starb in der Schlacht, und Richards Frau Anne Neville starb wahrscheinlich an Tuberkulose.

Hat Richard nun also mehr Leute „umgebracht“ als andere Könige seiner Zeit? Nicht wirklich. Doch die Tudors haben auch hier ganze Arbeit an seinem Ruf geleistet, und Shakespeares Werke sind bekanntlich unsterblich – wenn auch alles andere als wahrheitsgetreu.

Richard III. – Monster oder Opfer? Schreib mir Deine Meinung in die Kommentare!

Links:

History Extra: 6 myths about Richard III

BBC-Special über Richard III

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

8 Kommentare

  1. Das mit Thomas More wusste ich gar nicht, da muss ich mal forschen. Hast du „Wolf Hall“ bzw. „Wölfe“ von Hilary Mantel gelesen? Ich bin ja jetzt kein Experte, habe aber den Eindruck, dass Thomas More meistens zu positiv dargestellt wird.

  2. StefanieNorden

    Hallo Anette,

    ja, das Gerücht, dass die Prinzen von Richards Dienern im Schlaf erstickt wurden, haben wir More zu verdanken.

    Ich glaube auch, dass Thomas More doch recht häufig zu gut weg kommt – da waren ausnahmsweise „Die Tudors“ in puncto Protestantenverbrennung ganz aufschlussreich. Die Bücher von Hilary Mantel habe ich noch nicht gelesen, aber ich schaue gerade die Serie „Wolf Hall“, die mir auch ganz gut gefällt – aber mal eine ganz andere Sympathieverteilung zwischen More und Cromwell 🙂

    Viele Grüße

    Stefanie

    • Hallo Stefanie,

      echt, die Prinzenermordung geht auf ihn zurück?! Das wusste ich echt nicht, ist ja interessant!
      Auf die „Wolf Hall“-Verfilmung freue ich mich auch, muss mal gucken, ob es die DVD schon gibt 🙂

  3. StefanieNorden

    Hallo Anette,

    naja, dass die Prinzen ermordet wurden, wurde meines Wissens nach bereits zu Zeiten von Richard III. gemunkelt, aber die Geschichte, dass sie im Bett erstickt wurden, kommt wohl von More, soweit man das heute nachvollziehen kann.

    „Wolf Hall“ wird wohl irgendwann auch auf Arte laufen, aber wer weiss, wie lange das dauert 🙂

  4. Susanne Schäfer

    nach allem, was ich gelesen habe, halte ich Richard III für unschuldig, auch wenn er natürlich ein Motiv gehabt hätte. die Kinder und Thronerben zu beseitigen.
    Ich denke aber, dass es ein Auftragsmord seitens Margaret Beaufort war, der Mutter von Henry VII. Sie und ihr Sohn hatten das größte Motiv und den größten Nutzen

    Das Shakespearestück, natürlich Weltliteratur, war aber trotzdem ein Werk der Tudorpropaganda. Ich glaube nicht, dass Shakespeare sich hätte erlauben können, mit dem Finger auf die Tudors zu zeigen.

  5. Swantje Kieckhäfer

    Bereits in den 90ern habe ich hierzu ein gelungenes Büchlein gelesen. Alibi für einen König. Wie heutzutage auch: immer fragen, wer hat(te) davon einen Vorteil?

  6. Sehr wahrscheinlich hatte Richard mit dem Mord an seinen Neffen zu tun, denn er war Lordprotektor zu der Zeit, als sie auf Nimmerwiedersehen im Tower of London verschwanden. Und er hatte auch einen Vorteil von ihrem Tod, denn sonst hätten die Woodvilles, die Familie der Königin, ihn entmachtet; so aber wurde er König und Erbe seines Bruders Edward IV. Außerdem haben sich im Sommer 1483 viele Lords von Großbritannien auffällig von ihm angewandt; dafür muss es einen Grund geben. Aber Richard war sicher nicht mörderischer als andere Akteure zur Zeit der Rosenkriege. Auch Henry VI. wurde z.B. ermordet (nicht von Richard). Richard war mit Sicherheit nicht das von Shakespeare dargestellte Scheusal, aber die Ermordung von Kindern hat auch zur damaligen Zeit mehr Abscheu hervorgerufen als die Tötung von Gegnern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.