Mary I.: Wie ein verstoßenes Kind zu Bloody Mary wurde

Mary Tudor, spätere Mary I. und unrühmlich als Bloody Mary in die Geschichte eingegangen: Sie war das einzige, überlebende Kind aus der Ehe von Heinrich VIII. und Katharina von Aragon. Doch ihr größter „Makel“ war, dass sie kein Junge war. Ihr Vater war erst der zweite Monarch der Tudordynastie, die gerade einmal etwa ein Vierteljahrhundert an der Macht war. Er fürchtete, dass die Tage der Rosenkriege zurückkehren würden, würde es ihm nicht gelingen, einen männlichen Erben zu zeugen. Seine Königin war für jene Zeit inzwischen zu alt, um Kinder zu bekommen. Also begannen die turbulenten Jahre von Annullierung, Enthauptungen und insgesamt fünf weiterer Königinnen, um das eine Ziel zu erreichen: Einen Sohn. Währenddessen wurde die ehemalige Prinzessin Mary zum Bastard erklärt, von ihrer Mutter getrennt und schließlich zur Unterwerfung gezwungen. An einem solchen Lebensweg hätten heutige Psychologen ihre helle Freude.

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Von der Prinzessin zum Bastard

Mary I. kam am 18. Februar 1516 in Greenwich zur Welt. Bereits vier ihrer Geschwister waren entweder tot geboren worden und starben kurz nach der Geburt. Auf Mary ruhten daher alle Hoffnungen, auch wenn ihr Geschlecht eine Enttäuschung war. Frauen war zwar die Thronfolge nicht verboten, aber es hatte noch nie eine englische Königin aus eigenem Recht gegeben. Und die Aussicht auf eine Ehe warf die Frage auf, ob es England in die politische Abhängigkeit führen würde, heiratete eine Königin einen fremden Monarchen. Heinrich hoffte also weiter auf einen Sohn.

Mary erhielt eine umfassende Ausbildung, deren Wert in der Renaissance just wiederentdeckt worden war. Sie sprach vier Sprachen, liebte Musik und las die Werke großer Geister ihrer Zeit wie Erasmus und Thomas More, sowie Klassiker wie Platon und Cicero. Ihr Vater ernannte sie jedoch nicht zur Thronerbin, sondern erhob seinen Bastardsohn Henry Fitzroy in den Adelsstand – sehr zum Ärger seiner Ehefrau. Es kam der Verdacht auf, Henrich wolle Fitzroy statt Mary zu seinem Thronfolger ernennen.

1527, nach 16 Jahren Ehe mit der mittlerweile über 40-jährigen Katharina, begann Heinrich nach einem Weg zu suchen, seine Ehe für ungültig erklären zu lassen, eine neue Ehe einzugehen und endlich einen Sohn zu bekommen. Auftritt Anne Boleyn, der neuen Frau in Heinrichs Leben. Katharina weigerte sich, Anne Platz zu machen, und so begannen für Mary Jahre der Ungewissheit. Der Papst weigerte sich, die königliche Ehe für ungültig zu erklären, woraufhin Heinrich schließlich dem Papst das Mitspracherecht entzog. Er gründete die von Rom getrennte anglikanische Kirche, deren Oberhaupt er selbst war. Er heiratete seine inzwischen schwangere Geliebte Anne, und seine neue Kirche erklärte seine erste Ehe für ungültig und seine neue Ehe für gültig.

Nachdem seine Ehe mit Katharina von Aragon für ungültig erklärt worden war, veranlasste der König, dass seine Tochter Mary fortan nicht mehr als Prinzessin, sondern lediglich als Lady gelten sollte. Ihr Haushalt wurde aufgelöst, ihre Vertrauten fortgeschickt. Und Mary selbst sollte sich nun dem Haushalt ihrer neugeborenen Halbschwester Elizabeth anschließen, um ihr, die Marys Platz in der Thronfolge eingenommen hatte, zu dienen. Kontakt zu ihrer Mutter wurde verboten. Kaum ein Wunder, dass Mary oft und lange krank war, doch auch dies konnte Heinrich nicht erweichen, seine Tochter besser zu behandeln. Heinrich erwartete von Katharina und Mary, dass sie zuerst die Ungültigkeit ihrer Ehe und die Illegitimität von Mary, die Gültigkeit seiner Ehe mit Anne Boleyn und ihn als Oberhaupt der Kirche anerkannten. Doch beide weigerten sich standhaft. Schließlich starb Katharina 1536, ohne ihre Tochter wiedergesehen zu haben, und Mary war am Boden zerstört.

Auf den Versuch, Mary wieder einen Platz in der Thronfolge zu verschaffen, stand inzwischen die Todesstrafe, wodurch viele Freunde Marys in immer größere Schwierigkeiten gelangten. Als schließlich Heinrich seine zweite Frau Anne Boleyn, die Mary für ihre größte Feindin hielt, aufs Schafott schickte, suchte Mary nach einem Weg, sich mit ihrem Vater auszusöhnen. Der Druck auf sie wurde immer größer, und ihr wurde sogar zugetragen, sie würde als Verräterin verhaftet werde, wenn sie sich dem König nicht unterwerfe. Heinrich weigerte sich, Mary ohne diese Unterwerfung entgegen zu kommen. Inzwischen rieten auch Marys Freunde ihr dazu, sich zu unterwerfen, und Heinrichs dritte Frau Jane Seymour setzte sich für Mary ein.

Schließlich gab Mary nach und unterzeichnete ein Schriftstück, das passenderweise „Lady Mary’s Submission“ (Lady Marys Unterwerfung) betitelt war. Dies muss ein schwerer Schritt für die 20-jährige Ex-Prinzessin gewesen sein, und vermutlich der letztliche Grund, warum sie ihren Glauben zukünftig umso vehementer verteidigte.

 

Der lange Weg zum ThronMary I.

Mary sah nun ihren Vater zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder. Und obwohl sie als illegitim galt, wurde sie als Tochter des Königs behandelt. Sie hatte eine Ehrenposition am Hof und pflegte ein freundschaftliches Verhältnis mit ihrer Stiefmutter Jane, die selbst nur etwa acht Jahre älter als sie war. Als Jane nach der Geburt des kleinen Edward starb, war Mary die Haupttrauernde, und anschließend nahm sie sich ihres Halbbruders, dessen Patin sie war, an. Zwischen beiden entspann sich ein sehr enges Verhältnis, und Mary wurde etwas wie ein Mutterersatz für Edward.

Im Jahr 1544 setzte Heinrich VIII. seine Töchter Mary und Elizabeth wieder in die Thronfolge ein, nach seinem Sohn Edward. Sie galten jedoch weiterhin als illegitim und konnten daher eigentlich den Thron nicht erben. Ein Widerspruch, der beiden Damen noch Schwierigkeiten machen sollte.

Heinrich VIII. starb 1547, und der erst neunjährige Edward folgte ihm auf den Thron. Und trotz des engen Verhältnisses zu seiner katholischen Halbschwester war der neue König ein überzeugter Protestant, selbst in seinen jungen Jahren. Zudem war er umgeben von mächtigen, protestantischen Beratern. Mary, die nach wie vor ihren Glauben offen auslebte, geriet wieder einmal unter Druck.

Um die Trennung von Marys Mutter zu erreichen, hatte Heinrich VIII. sich gegen sämtliche Widerstände zum Oberhaupt der Kirche gemacht und anschließend seine Frau zu seiner Mätresse, mit der er nie gültig verheiratet gewesen war, und Mary zu einem Bastard erklärt. Für Mary war der Bruch mit Rom also immer sowohl eine religiöse als auch eine zutiefst persönliche Angelegenheit. Sie sah sich selbst als die letzte Hoffnung des Katholizismus in England, und mit einer Stärke (oder Sturheit), die an ihre Mutter erinnert, hielt Mary an ihrem Glauben fest – selbst, als sie in einem protestantischen England damit offen gegen das Gesetz verstieß.

Mary wurde deswegen im Jahr 1551 an den Hof zitiert, und ihr Gefolge trug offen und provokativ Rosenkränze. Sie war nicht mehr die einsame, verängstigte 20-Jährige, die sich ihrem übermächtigen Vater unterworfen hat. Sie war eine Frau Mitte 30, die vom Leben und seinen Schicksalsschlägen gestärkt worden war. Und als sie nun wegen ihres Ungehorsams vor König und Kronrat zitiert wurde, spielte sie ihren Trumpf aus: Ihr Cousin mütterlicherseits war Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, der mächtigste Herrscher Europas, und, wie sie, katholisch. Sie berief sich auf seinen Schutz, und der kaiserliche Gesandte beeilte sich, mit Krieg zu drohen, sollte Mary nicht gestattet werden, ihren Glauben auszuüben.

Dazu wichtig zu wissen: Edward war geboren worden, nachdem der Papst Heinrich VIII. exkommuniziert hatte. Die katholische Welt erkannte Edward daher nicht als König an, sondern sah Mary als die eigentliche Erbin des Throns. Edward durch Mary durch ein kriegerisches Eingreifen zu ersetzen, war also keine unrealistische Gefahr.

Die Aussicht auf sowohl Krieg als auch katholische Unruhen im Land ließ den Kronrat nachgeben – zur Frustration des Königs. Die diplomatischen Spannungen zwischen Karl V. und England blieben bestehen, und es wurde weiterhin auf Mary eingewirkt, sie solle ihren Glauben ändern. Doch bald verschlechterte sich die Gesundheit des jungen Königs rapide, und er starb im Jahr 1553.

Bevor ihr Bruder starb, hatte er, um Mary vom Thron fernzuhalten, seine protestantische Cousine Lady Jane Grey zu seiner Nachfolgerin bestimmt. Doch Mary ließ sich nicht so leicht besiegen. Sie entfloh einer geplanten Festnahme auf ihre Güter in East Anglia und scharte katholische Unterstützer um sich. Von dort aus zog sie gen London und stieß Jane nach nur neun Tagen vom Thron.

 

Mary I., katholische Königin

Mary I. war die erste, regierende Königin, die England jemals hatte, denn sowohl Jane Grey als auch Königin Mathilda im 12. Jahrhundert wurden nicht umfassend anerkannt. Wo sich die Herrschaft zuvor an Edwards Jugend angepasst hatte, musste sie sich nun an Marys Geschlecht anpassen. Bei ihrer Krönung in der Westminster Abbey wurden ihr zwei Zepter in die Hand gelegt, statt einem, wie sonst üblich. Sie wurde somit zum König und Königin in einem gekrönt.

Sie hatte das Leiden ihrer Mutter lange mitangesehen. Jetzt als Königin war sie entschlossen, dieses Leiden wieder gutzumachen, indem sie England wieder zurück zum katholischen Glauben führte. Sowohl unter ihrem Vater als auch unter ihrem Bruder war sie wegen ihrem Glauben angegriffen worden. Doch sie hatte sich stets geweigert, ihn aufzugeben. Ihre Persönlichkeit war die einer Märtyrerin, denn sie sagte stets, sie würde eher sterben, als Rom den Rücken zu kehren.

Mary I. und Philip von SpanienDoch auch ihre Mission beruhte auf der Notwendigkeit, einen (katholischen) Erben zu bekommen, der ihr Werk fortführte. Also erwählte sie als Ehemann Prinz Philip, Sohn Karls V. von Spanien und somit ihr katholischer Großcousin. Bei ihrem Volk kam diese Wahl eher weniger an: Würde Philip Mary mit nach Spanien nehmen? Würde England nun in alle spanischen Kriege hineingezogen werden? Das Parlament flehte Mary an, einen Engländer zu heiraten, doch sie lehnte ab. Es kam zum Aufstand, der blutig niedergeschlagen wurde. Um aber nun alle Einflüsse Philips so gut es ging zu unterbinden, verkündete das Parlament, dass eine Königin genauso machtvoll war wie ein König. So würden auch Marys Kinder ihr auf den Thron folgen, nicht ihr Ehemann.

Schließlich fand die königliche Hochzeit statt, und das Warten auf den Thronfolger begann. Die Zeit arbeitete gegen Mary I., denn sie war bereits 38 Jahre alt. Doch nur drei Monate nach der Hochzeit fühlte Mary, wie sich etwas in ihr bewegte. Und ihre Ärzte bestätigten, dass sie schwanger sei. Doch deren Aussage beruhte nur auf Marys Aussage, denn den Ärzten war es nicht gestattet, die Königin zu untersuchen. Das Wochenbett war zu jener Zeit eine reine Frauenangelegenheit, und die medizinischen Erkenntnisse waren ohnehin eher dürftig.

 

Bloody Mary und ihr Untergang

Doch auch ihr Zustand hielt Mary I. nicht von ihrer Mission ab. Gestärkt durch den zu erwartenden, katholischen Erben erklärte das Parlament die Rückkehr der englischen Kirche in den Schoß Roms. Die Kirchenspaltung Heinrichs VIII. schien vorüber, und die Verbrennungen von Protestanten, die Mary ihren Beinamen einbrachten, begannen. Insgesamt starben 300 Menschen in vier Jahren wegen ihres Glaubens auf dem Scheiterhaufen. Darunter auch der bereits 66-jährige Reformer Thomas Cranmer, Pate ihrer Halbschwester Elizabeth und maßgeblich beteiligt an der Loslösung von Rom und der Annullierung der Ehe ihrer Eltern.

Schließlich wurde alles für die nahende Geburt vorbereitet. Die katholische Zukunft Englands hing an diesem Kind. Doch nach neun Monaten und mehr zeigten sich immer noch keine Anzeichen, dass das Kind zur Welt kommen würde. Ob Schwellung, Tumor oder Phantomschwangerschaft – es ist nicht klar, worunter Mary genau litt, aber eine Schwangerschaft war es nicht.

Drei Jahre später lag Mary I. im Sterben, und ihre katholische Mission würde mit ihr sterben. Anders als ihr Bruder wollte sie die Thronfolge nicht ändern. Doch sie hinterließ Instruktionen für ihre protestantische Halbschwester Elizabeth, die ihr auf den Thron folgen würde. Elizabeth solle den katholischen Glauben annehmen und England zurück nach Rom führen. Elizabeth tat nichts dergleichen.

Heute ruhen die beiden Schwestern im selben Grab in der Westminster Abbey – entgegen Marys Wunsch, neben ihrer Mutter beigesetzt zu werden. Doch auch in diesem Monument überstrahlt Elizabeth ihre Schwester, und Mary ist dort kaum wahrzunehmen.

Mary I. ist einer der Verlierer der Geschichte. Die Verfolgung von Protestanten ist alles, was von ihrem Ruf übrig geblieben ist. Ihre Entschlossenheit, ihr Mut und auch das tragische Leben, das sie erleiden musste, geraten neben „Bloody Mary“ in Vergessenheit.

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2 Kommentare

  1. Sehr interessant, mehr davon bitte:)

  2. Jane Grey war die Nichte 2. Grades zu Eduard.

    Philipp II. war der Neffe 2. Grades zu Maria I.

    Herzliche Grüße

    Andrea

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