Heute, am 19. Februar 2026, beherrscht eine Nachricht die britischen Schlagzeilen:
Der frühere Prinz Andrew, Bruder von König Charles III. und Platz 8 der britischen Thronfolge, wurde verhaftet.

Ein Einschnitt. Und ein perfekter Anlass, einen Blick zurückzuwerfen.
Denn die britische Geschichte ist voller Prinzen, die mit dem Gesetz kollidierten – aus sehr unterschiedlichen Gründen. Manche wurden eingesperrt. Andere verfolgt. Und wieder andere? Die kamen erstaunlich leicht davon.

Warum traf es die einen hart – und die anderen kaum?
Und was sagt das über Macht und Privilegien?

Disclaimer: Mit Andrews Verstrickung in den Fall Jeffrey Epstein per se werde ich mich in diesem Artikel nicht befassen. Nur soviel: Ich glaube fest daran, dass, wird jemand eines Verbrechens verdächtigt, in einem Rechtsstaat dieser Fall untersucht und dann ggf. vor Gericht verhandelt und beurteilt werden muss. Egal, wie die verdächtige Person mit Nachnamen heißt.

 

Wenn ein Prinzentitel lebensgefährlich wurde

Für manche Prinzen war der größte Feind nicht ein Schlachtfeld, sondern die eigene Familie.
Nicht fremde Armeen, sondern Verwandte mit Ambitionen.

Diese Prinzen begingen keine Verbrechen. Sie führten keine Aufstände an. Ihr einziges „Vergehen“ war ihr Name, ihr Blut, ihre Nähe zum Thron. Genau das machte sie gefährlich.

Der Tower of London wurde für sie zum Ort des Wartens. Des Schweigens. Der politischen Berechnung.
Ein Prinzentitel bedeutete hier keinen Schutz, sondern Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit konnte tödlich sein.

Die folgenden Schicksale zeigen, wie schnell königliche Herkunft vom Privileg zur Bedrohung wurde.

Die Prinzen im Tower: Edward V. und sein Bruder Richard

Kaum ein Kapitel der englischen Geschichte ist so düster wie das der Prinzen im Tower.

Edward V. war erst zwölf Jahre alt, als sein Vater Edward IV., der große Streiter der Rosenkriege, starb. Der Junge war der Thronfolge gemäß rechtmäßiger König, doch regieren sollte zunächst sein Onkel Richard, Duke of Gloucester, als Lordprotektor. Kurz darauf wurden Edward und sein jüngerer Bruder Richard of Shrewsbury, 1. Duke of York in den Tower of London gebracht.

Offiziell, um sie auf die Krönung vorzubereiten. In Wirklichkeit war der Tower schon damals ein Ort politischer Ausschaltung.

Die Brüder wurden zunehmend isoliert. Zeitgenössische Berichte sprechen davon, dass sie immer seltener gesehen wurden. Dann gar nicht mehr. Kurz darauf erklärte Richard ihre Geburt für illegitim – und ließ sich selbst zu König Richard III. krönen.

Danach verschwanden die Prinzen einfach. Was mit den Jungen geschah, weiß bis heute niemand mit letzter Sicherheit.
Sicher ist nur: Zwei Prinzen wurden eingesperrt, weil sie zu viel Macht verkörperten.

Ihr Titel schützte sie nicht. Er verurteilte sie.

 

Edward Plantagenet – ein Prinz, eingesperrt aus Angst

Edward Plantagenet, 17th Earl of Warwick, war der Sohn von George, Duke of Clarence, Bruder Edwards IV. – und damit ein Prinz aus dem Haus Plantagenet, der alten Königsfamilie.

Für Heinrich VII., den ersten Tudor-König, war Edward ein Albtraum. Nicht, weil er rebellisch war. Sondern weil er existierte.

Schon als Kind wurde Edward im Tower of London eingesperrt. Er wuchs dort ohne Ausbildung, ohne politische Rolle und ohne Freiheit auf. Ganze 14 Jahre Gefangenschaft, nur um sicherzugehen, dass niemand ihn als Symbol gegen die Tudors benutzen konnte.

Als 1499 ein Aufstand ausbrach, nutzte man Edward als Vorwand. Er wurde des Hochverrats beschuldigt – und hingerichtet.

Ein weiterer Prinz, der nicht wegen seiner Taten starb, sondern wegen seines Stammbaums.

 

Gejagt statt geschützt – Prinzen als Staatsfeinde

Nicht jeder Prinz landete hinter Mauern.
Manche wurden gar nicht erst eingesperrt – weil sie zu gefährlich waren, um sie leben zu lassen. Gleichermaßen konnte man ihnen nicht habhaft werden, was sie zu einem Leben auf der Flucht verurteilte.

Für diese Männer war der Titel kein Schutzschild, sondern ein Fadenkreuz. Sie wurden nicht verurteilt, sondern gejagt. Nicht eingesperrt, sondern aus dem Land getrieben. Wer sie gefasst hätte, hätte kein langes Verfahren gebraucht.

Zwei Jahrhunderte. Zwei Prinzen. Ein Muster.

Prinz Charles – Thronerbe auf der Flucht

Nach der Hinrichtung seines Vaters Charles I. im Jahr 1649 war der junge Prinz Charles kein Hoffnungsträger mehr, sondern eine Bedrohung. Für das republikanische England unter Oliver Cromwell stand fest: Solange dieser Prinz lebte, war die Monarchie nicht tot.

Nach der Niederlage der Royalisten in der Schlacht von Worcester (1651) begann eine Flucht, die fast schon absurd wirkt – wäre sie nicht so lebensgefährlich gewesen. Charles war praktisch vogelfrei. Hätte man ihn gefasst, wäre er mit großer Wahrscheinlichkeit verhaftet oder direkt hingerichtet worden.

Wochenlang versteckte er sich. Wechselte Identitäten. Schlief in Scheunen, Bauernhäusern – und in der berühmten Royal Oak. Ein Prinz, der sich als Diener ausgab, der lernte, leise und unsichtbar zu sein.

Rechtlich hatte er keinen Schutz mehr. Politisch war er ein Albtraum. Menschlich war er erstaunlich allein.

Er überlebte nur, weil einfache Menschen ihn nicht verrieten. Und er kehrte 1660 zurück – nicht als Flüchtling, sondern als Charles II., restaurierter König von England.

Die Lektion war klar:
Ein Prinz kann alles verlieren. Buchstäblich über Nacht.

 

Charles Edward Stuart – Bonnie Prince Charlie

Fast hundert Jahre später wiederholte sich die Geschichte. Nur mit anderem Ausgang.

Charles Edward Stuart war ebenfalls jung, charismatisch und überzeugt, dass ihm der Thron zustand. Doch nach dem Scheitern des Jakobitenaufstands von 1745 wurde auch er zur Zielscheibe des Staates.

Der Unterschied? Charles II. hatte am Ende gewonnen. Bonnie Prince Charlie verlor alles.

Nach der Niederlage bei Culloden wurde er systematisch verfolgt. Auf seinen Kopf war eine hohe Belohnung ausgesetzt. Hätte man ihn gefasst, wäre er ohne Zweifel verhaftet und vermutlich hingerichtet worden.

Monatelang irrte er durch Schottland, ständig auf der Flucht, abhängig von der Loyalität einfacher Menschen. Verkleidet, hungernd, erschöpft.

Er entkam nach Frankreich. Doch anders als Charles II. kehrte er nie als Sieger zurück. Sein Leben danach war geprägt von Exil, Alkohol und bitterer Enttäuschung.

Zwei Prinzen.
Zwei Fluchten.
Nur einer bekam ein Happy End.

 

Skandale ohne Strafe – wenn der Titel stärker war als das Gesetz

Nicht jeder Prinz wurde eingesperrt oder verfolgt.
Manche gerieten sehr wohl mit dem Gesetz in Berührung – und kamen trotzdem davon.

Diese Prinzen lebten öffentlich, laut und oft rücksichtslos. Ihre Skandale waren bekannt, ihre Eskapaden kein Geheimnis. Doch während andere dafür ihre Existenz verloren hätten, blieb für sie alles erstaunlich folgenlos.

Der Grund war simpel: Ihr Titel wog schwerer als ihre Taten.
Nicht das Gesetz entschied über Konsequenzen, sondern Nähe zur Krone, familiäre Rücksicht und politisches Kalkül.

Die folgenden Beispiele zeigen, wie wirkungsvoll ein Prinzentitel sein konnte – nicht als Bürde, sondern als Schutzschild.

Henry, Duke of Cumberland – Skandale ohne Konsequenzen

Ein völlig anderes Bild bietet Henry, Duke of Cumberland, Bruder von George III.

Henry galt als Lebemann. Nach einem Streit mit einer Kurtisane machte 1769 seine Affäre mit Lady Grosvenor Schlagzeilen: Das Paar wurde in einem Gasthofs-Zimmer in St Albans von Dienern ertappt, Henry wegen „krimineller Konversation“ vor Gericht gezerrt. 1771 heiratete Henry heimlich die Bürgerliche Anne Horton. Seine Eskapaden, peinlichen Liebesbriefe und eine Schadenersatzforderung von 13.000 Pfund beschämten die Krone und füllten die Presse.

Der König verbannte das Paar vom Hof und strich ihnen das Geld. 1772 folgte der Royal Marriages Act, der Heiraten von Familienmitgliedern unter 25 ohne Zustimmung verbot. Trotzdem führten die Cumberlands einen Rivalenhof, verkehrten mit Oppositionspolitikern und beeinflussten die jüngeren Prinzen zu Glücksspiel, Frauen und Verschwendung. Ihre Skandale schwächten die öffentliche Unterstützung für die Royals und trugen zur strengen Respektabilität von Victorias Hof bei.

Statt also Henry zu bestrafen, reagierte der Staat mit einem Gesetz.

Der Prinz blieb unberührt.
Das System passte sich ihm an.

 

Prinz Edward – Skandalprinz mit Schutzschild

Kaum ein britischer Prinz verkörperte den Gegensatz zwischen öffentlichem Fehlverhalten und fehlenden Konsequenzen so deutlich wie Prinz Edward, der älteste Sohn von Queen Victoria und spätere Edward VII.

Schon als junger Mann galt Edward als Problemfall. Während seine Mutter Pflichtbewusstsein, Disziplin und moralische Strenge predigte, lebte ihr Sohn das genaue Gegenteil. Er liebte Glücksspiel, exklusive Clubs, gutes Essen – und vor allem Affären. Viele Affären. Und kaum eine davon diskret.

Besonders brisant war der Tranby‑Croft‑Skandal von 1891. Edward war Gast auf einem Landsitz, auf dem ein illegales Kartenspiel stattfand. Als der Skandal öffentlich wurde, musste der Prinz als Zeuge vor Gericht erscheinen – ein absoluter Tabubruch für ein Mitglied der königlichen Familie. Die Presse war elektrisiert. Ein Prinz im Gerichtssaal? Das hatte es in dieser Form kaum gegeben.

Und doch blieb alles beim Alten.

Edward wurde nicht angeklagt, nicht bestraft, nicht einmal offiziell gerügt. Für jeden anderen Beteiligten hätte der Skandal den gesellschaftlichen Ruin bedeutet. Für Edward war er eine peinliche Episode – mehr nicht.

Auch seine zahlreichen Liebesaffären hatten keine realen Konsequenzen. Seine Ehe galt als unglücklich, seine Eskapaden als offenes Geheimnis. Queen Victoria war entsetzt und misstrauisch, hielt ihren Sohn lange von politischen Aufgaben fern und bezeichnete ihn sinngemäß als ungeeignet. Doch selbst ihre Ablehnung änderte nichts an seinem Status.

Edward war Thronfolger. Und ein Thronfolger wurde geschützt – selbst vor sich selbst.

Als Edward 1901 schließlich König wurde, wandelte sich sein Image schlagartig. Aus dem verantwortungslosen Prinzen wurde in der öffentlichen Wahrnehmung ein beliebter Monarch. Seine gesellschaftlichen Fähigkeiten, seine diplomatische Lockerheit und sein Charme erwiesen sich plötzlich als Vorteil.

Rückblickend bleibt ein bitterer Beigeschmack:
Ein Mann, der immer wieder an die Grenze des Gesetzes ging, musste sie nie wirklich überschreiten – weil niemand es zuließ.

Prinz Edward ist damit ein Paradebeispiel dafür, wie wirkungsvoll ein Titel sein konnte. Nicht als Bürde. Sondern als Schutzschild.

 

Wer ist eigentlich wirklich unantastbar? Ein Blick auf die rechtliche Realität

Spätestens an diesem Punkt drängt sich eine unbequeme Frage auf: Wie viel Schutz bietet ein Prinzentitel heute wirklich?

Zwischen historischen Gefängnismauern und modernen Skandalen liegt eine rechtliche Realität, die oft missverstanden wird. Viele glauben noch immer, Mitglieder der königlichen Familie stünden automatisch über dem Gesetz. Doch so einfach ist es nicht.

Die folgenden Beispiele zeigen zwei sehr unterschiedliche Wege: Eine Prinzessin, die tatsächlich vor Gericht stand – und ein Prinz, der lange geschützt schien und nun doch mit dem Gesetz konfrontiert ist.

Sie machen deutlich, wo königliche Privilegien enden und wo die Realität beginnt.

 

Prinzessin Anne – ein wichtiges Gegenbeispiel

By The United States Army BandCMB_8907-LR, CC BY 2.0, Link

Ein kurzer, aber entscheidender Realitätscheck.

Das einzige Mitglied der britischen Königsfamilie, das rechtlich nicht verhaftet werden kann, ist der amtierende Monarch.

Sonst genießt niemand royale Immunität.

Prinzessin Anne, einzige Tochter von Queen Elizabeth II., bewies das eindrucksvoll: 2002 stand sie vor Gericht, nachdem einer ihrer Hunde zwei Kinder gebissen hatte. Sie bekannte sich schuldig und wurde zu einer Geldstrafe verurteilt.

Kein Sonderstatus. Kein Schutzschild.
Ein klarer Beweis: Prinzessin zu sein bedeutet nicht automatisch Immunität.

Weder sie zu haben noch, sie einzufordern. Ein respektables, verantwortungsvolles Statement von Prinzessin Anne, die für ihren Fleiß und ihre Bodenständigkeit bekannt ist und geschätzt wird.

 

Prinz Andrew – ein historischer Bruch

Vor diesem historischen Hintergrund wirkt der heutige Fall um Prinz Andrew besonders brisant.

Jahrhundertelang waren Prinzen geschützt. Durch Schweigen. Durch Titel. Durch Nähe zur Macht. Vermutlich traf das eine gewisse Zeit auch auf Andrew zu.

Heute jedoch – so berichten es aktuelle Meldungen – steht er erstmals wirklich vor dem Gesetz.

Ist das ein Wendepunkt? Ich denke schon. Und er ist überfällig.

 

Fazit: Der Prinzentitel – Fluch oder Schutz?

Die Geschichte zeigt keine einfache Linie, wenn es um Prinzen und das Gesetz ging.

Ein Prinz konnte:

  • im Tower verschwinden
  • gejagt werden wie ein Verbrecher
  • jahrelang skandalfrei davonkommen
  • oder – selten – tatsächlich vor Gericht stehen

Der Titel war nie nur Ehre., sondern immer auch Gefahr.

Und manchmal beides zugleich.

 

Quellen:
Charles Edward Stuart – Wikipedia

Edward, 17th Earl of Warwick – Tales of the Middle Ages

Who killed the Princes in the Tower? – History Extra

The Prince and the Brothel: 6 scandals that rocked the British monarchy – History Extra

Karl II. von England – Wikipedia (de)

Edward VII: Rebel Prince, Popular King – The Collector


King Edward VII – Historic UK

Royal Immunity: Only One Member of Royal Family Cannot Be Arrested – International Business Times

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