Wie Glücksspiel (angeblich) die britische Esskultur veränderte

Glücksspiel – so manche Existenz hat es ruiniert. Und dennoch ist es aus der britischen Geschichte nicht wegzudenken. Von den Zeiten Heinrichs VIII., als sich Katharina von Aragon und Anne Boleyn während eines Kartenspiels versteckte Spitzen an den Kopf warfen, über Jane Austen, Edward VII. und Winston Churchill: Im Königreich wurde gespielt, gewonnen und verloren.

Und eine Legende besagt, dass dem Glücksspiel eine bis heute beliebte, kulinarische Erfindung zu verdanken ist: Das Sandwich.

Wie Glücksspiel (angeblich) die britische Esskultur veränderte

Eine kurze Geschichte des Glücksspiels

Bereits Jahrtausende vor Christus amüsierte sich die Menschheit beim Glücksspiel. Bereits 3000 v. Chr. wurden Würfel aus Knochen oder Elfenbein benutzt. Der Siegeszug des Würfel- und später auch des Kartenspiels setzte sich über die Jahrtausende fort, auch wenn stellenweise Glücksspiel verachtet und sogar verboten wurde. Richard I. („Richard Löwenherz“) verfügte schließlich im 12. Jahrhundert, dass niemand um Geld würfeln durfte, der nicht wenigstens vom Stand eines Ritters war. Fortan wurden eher übermäßige Spieleinsaätze und nicht das Glücksspiel selbst geahndet, und Glücksspiel wurde immer populärer.

Im 17. Jahrhundert war Glücksspiel so populär, dass die Wissenschaft sich damit zu beschäftigen begann und wichtige Fortschritte zum Beispiel in der Mathematik gemacht wurden. So behandelten die Mathematiker Blaise Pascal und Pierre de Ferma im Jahr 1654 das De-Méré-Paradoxon und legten so den Grundstein für die Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Als Frankreich und Deutschland im 19. Jahrhundert Glücksspiel schließlich verboten, stieg Monaco zur Glücksspieloase auf. Im viktorianischen England blieb Glücksspiel ein weitverbreitetes, aber kritisch beäugtes Laster.

 

John Montagu, 4th Earl of SandwichJohn Montagu, 4th Earl of Sandwich

Was hat das alles nun mit britischer Eßkultur zu tun? Auftritt John Montagu, 4th Earl of Sandwich, der 1718 in Chiswick das Licht der Welt erblickte. Sein Urgroßvater Edward hatte nach dem Zusammenbruch des Cromwell’schen Commonwealth den künftigen König Charles II. 1660 aus dem niederländischen Exil nach England gebracht und war dafür zum Earl of Sandwich erhoben worden. John erbte diesen Titel  bereits zehnjährig. Nach seiner Ausbildung stieg er rasch in den Rängen der britischen Politik auf, wurde u. a. Postminister, Staatsminister und gleich zweimal Erster Lord der Admiralität. Er war jedoch weder kompetent noch ehrlich, und Korruption und Unfähigkeit prägten seine Amtszeit. Beliebt war er dadurch wahrlich nicht.

Dennoch erinnern im Südatlantik gleich zwei Orte an ihn: Die Südlichen Sandwich-Inseln sowie der Sandwich-Graben. Die Inseln bekamen ihren Namen von James Cook, denn der Seefahrer stand in den Diensten des Earl of Sandwich.

Außerdem zeichneten den Earl of Sandwich zwei weitere Eigenschaften aus, von denen entweder eins oder beide schlußendlich in die kulinarische Geschichte eingingen.

 

Wie das Sandwich entstand

Die Namensgebung ist nämlich kein Zufall, und die Entstehung des Sandwiches in seiner eigentlichen Form geht in der Tat auf den Earl of Sandwich zurück.

John Montagu war ein leidenschaftlicher Spieler und verbrachte nicht selten ganze Tage am Spieltisch. Eins seiner Lieblingsspiele nannte sich Cribbage, ein Kartenspiel für zwei Spieler. 1762 war Montagu so vertieft ins Cribbage-Spiel, dass er Stunde um Stunde keine Zeit fürs Essen fand. Denn natürlich wollte er die Karten nicht beiseite legen und das Spiel pausieren, um mit Besteck ein warmes Mahl zu verzehren. Also wies er einen Bediensteten an, ihm ein Stück Rindfleisch zwischen zwei gerösteten Brotscheiben zu bringen, damit er es während des Spiels mit einer sauberen Hand essen konnte. Dies wurde zu einer Gewohnheit von ihm. So begannen andere Personen, die dies miterlebten, „the same as Sandwich“ zu bestellen, und das Sandwich war geboren.

So lautet zumindest die Legende, die sich jedoch lediglich auf einen Londoner Reiseführer bezog. Montagus Biograf widersprach dieser Darstellung 1765 jedoch und erklärte, die Erfindung des Sandwiches habe sich nicht am Spieltisch, sondern am Schreibtisch des zu jener Zeit sehr beschäftigten Earls zugetragen. Er habe also während des Essens arbeiten, nicht spielen wollen.

Brot mit Belag hat es sicher schon früher gegeben, doch das Sandwich als akzeptierte Mahlzeit gerade in höheren Kreisen war neu. Der Siegeszug des Sandwiches in der britischen Gesellschaft begann. Zuerst war es ein Imbiss für abendliche Männergesellschaften, erst gegen Ende des Jahrhunderts wurde es auch für Damen angemessen. Im Zuge des 19. Jahrhunderts wurde das Sandwich allgemein beliebter Snack und nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Afternoon Tea und des Picknicks. Dies hat sich bis heute nicht geändert.

Dem Earl of Sandwich hat seine Spielleidenschaft jedoch vermutlich nicht gutgetan – wie so meistens. Es heißt, bei seinem Tod war der ehemals mächtige Earl verarmt.

Fun Fact: Ursprünglich wollte Charles II. Edward Montagu für seine Dienste nicht zum Earl of Sandwich, sondern zum Earl of Portsmouth ernennen. Ob wir dann heute zum Tee ein Portsmouth verspeisen würden?

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