Kennst du das Gefühl, wenn ein Reiseziel so gar keine Bilder in deinem Kopf auslöst, dass du eigentlich gar keine Erwartungen haben kannst? Genau so ging es mir 2005 mit Colchester. Kein Postkartenmotiv, keine Filmkulisse, kein “Ach, da will ich unbedingt hin”. Und trotzdem ist genau dieser unscheinbare Tagesausflug bis heute einer meiner liebsten England-Erinnerungen.

Dieser Beitrag ist meine Teilnahme an der Blogparade “Welches Reiseziel hat dich positiv überrascht?” von Anita von Reisen himmelblau.

 

Eine Mini-Kreuzfahrt mit Nebenwirkungen

Mein jetziger Mann und ich waren mitten im Studium, hatten wenig Geld und noch weniger Geduld für komplizierte Reiseplanung. Also gönnten wir uns eine Mini-Kreuzfahrt: Mit der DFDS-Fähre von Cuxhaven nach Harwich, hin und zurück, inklusive Kino, Restaurants, Bars, Unterhaltungsprogramm an Bord – und, ich sage es, wie es ist, den besten Strawberry Daiquiris, die ich je getrunken habe. Diese Verbindung gibt es heute leider nicht mehr. Umso mehr freue ich mich, dass ich sie damals noch erlebt habe.

Im Reisepaket steckte ein Tagesausflug nach Colchester. Ich war damals schon Fan britischer Geschichte, aber von der römischen Besatzungszeit wusste ich fast nichts – außer natürlich von Boudicca, die mich schon immer fasziniert hat. Von Colchester selbst kannte ich gerade mal den Namen und die Tatsache, dass es dort Colchester Castle gibt. Meine einzige konkrete Erwartung: ein Gift Shop mit historischen Souvenirs. Ja, das ist bei mir tatsächlich ein eigenes Reisekriterium.

Eine Stadt, die älter ist, als man denkt

Was ich nicht wusste: Colchester gilt als älteste urkundlich erwähnte Stadt Großbritanniens. Schon der römische Autor Plinius der Ältere erwähnte den Ort um 77 n. Chr. unter seinem keltischen Namen Camulodunum. Nach der römischen Eroberung wurde hier um 43–44 n. Chr. ein Militärlager errichtet, das später zur Colonia für ausgediente Legionäre wurde – Colchester war damit für kurze Zeit sogar Verwaltungssitz des eroberten Britanniens, bevor diese Rolle an Londinium überging.

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Und dieser Übergang hatte einen brutalen Grund: den Boudicca-Aufstand im Jahr 61 n. Chr. Die Kelten unter ihrer Anführerin zerstörten die Stadt fast vollständig, bevor die Römer sie wieder aufbauten. Wer hätte gedacht, dass so viel Weltgeschichte in einer Stadt steckt, die touristisch so entspannt daherkommt?

Genau das war meine größte Überraschung: Wie charmant dieser kleine Ort ist. Geschichte an jeder Ecke, ja – aber eben nicht plakativ, nicht laut, nicht auf Effekt getrimmt. Colchester zeigt seine Vergangenheit, ohne sie zu verkaufen wie ein Freizeitpark.

 

Mein Nachmittag zwischen Römern und Normannen

Weil wir mit Shuttlebus an- und abgereist sind, blieb uns nicht ewig Zeit (etwa vier Stunden, wenn ich mich richtig erinnere). Wir haben sie trotzdem gut genutzt: Colchester Castle und das dazugehörige Museum standen ganz oben auf der Liste, dazu ein Spaziergang entlang der Stadtmauer.

Colchester Castle wurde um 1076 von den Normannen errichtet – und zwar direkt auf den Fundamenten des römischen Claudius-Tempels, der während des Boudicca-Aufstands zerstört worden war. Mit seinem imposanten Bergfried gilt es als der größte erhaltene normannische Wohnturm Europas. Wenn das mal keine Ansage ist für ein Gebäude, das so unscheinbar in einer ostenglischen Kleinstadt steht.

Im Museum wurde mir dann klar, wie clever Colchester seine Geschichte präsentiert: Neben archäologischen Schätzen wie der berühmten Colchester-Vase gab es auch Bezüge zur Popkultur. Ausgestellt war zum Beispiel der Streitwagen aus dem FernsehfilmBoudica” von 2003 mit Alex Kingston in der Hauptrolle. Ich fand das großartig – Geschichte und Gegenwart im selben Raum, ohne dass es albern wirkte.

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Anmerkung: Ja, genau “die” Alex Kingston. Einige Jahre bevor sie als River Song bei “Doctor Who” legendär wurde.

 

Der LKW-Fahrer, der uns für Einheimische hielt

Eine putzige Anekdote, die uns in Erinnerung geblieben ist: Wir schlenderten durch eine der engen Seitengassen der Altstadt, als sich ein LKW mühsam durch die schmale Straße quetschte. Der Fahrer kurbelte das Fenster runter und fragte uns nach dem Weg. Uns! Zwei Touristen mit Stadtplan in der Hand, die noch nicht mal wussten, wo die nächste Toilette war. Aber offensichtlich sahen wir überzeugend genug aus wie Ortsansässige. Ich nehme das als Kompliment.

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Falls dir für Colchester mehr Zeit bleibt als uns damals, gibt es einiges, das sich lohnt. Ganz oben auf meiner Liste für einen zweiten Besuch steht der Roman Circus: Auf dem Gelände des einzigen bislang in Großbritannien nachgewiesenen römischen Wagenrennstadions gibt es heute ein Besucherzentrum. Stell dir vor, hier jagten sich einst Streitwagen um die Wette – mitten in Essex!

Wer nach dem Castle noch Lust auf Geschichte hat, sollte einen Spaziergang entlang der römischen Stadtmauer einplanen. Ein geführter Rundgang führt an den römischen und mittelalterlichen Stadttoren vorbei und zeigt, wie viele Schichten Geschichte sich hier übereinanderlegen.

Auch das Hollytrees Museum und das Tymperleys Clock Museum sind einen Blick wert, wenn du dich für Alltagsgeschichte und Uhrmacherkunst interessierst – Letzteres war übrigens einst Wirkungsstätte des Wissenschaftlers William Gilberd. Freunde moderner Kunst finden im Firstsite ein spannendes Kontrastprogramm zur ganzen Antike ringsherum.

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Nicht historisch, aber beliebt bei Familien: der Colchester Zoo mit seinen Großkatzen- und Affengehegen, falls du mit Kindern unterwegs bist und zwischendurch eine Pause von Römern und Normannen brauchst.

Und für alle Eisenbahn-Fans: Etwa 13 Kilometer nordwestlich, in Chappel, wartet das East Anglian Railway Museum mit seiner Sammlung historischer Züge.

Würde ich wieder hinfahren?

Ohne zu zögern. Ich würde liebend gern tiefer in die Geschichte eintauchen – zum Beispiel in den römischen Circus, den einzigen bislang auf britischem Boden nachgewiesenen, den es zu meiner Reisezeit noch nicht als Attraktion zu besichtigen gab.

Wem würde ich Colchester empfehlen? Ganz klar allen, die sich für die Antike und die römische Geschichte Britanniens begeistern. Wer auf der Suche nach einem Tagesausflug ab London ist und keine Lust auf Menschenmassen hat, ist hier goldrichtig. Für einen mehrtägigen Aufenthalt reicht es wahrscheinlich nicht – aber als Zwischenstopp auf dem Weg zur Fähre oder als bewusster Abstecher lohnt sich Colchester auf jeden Fall.

Manchmal sind es eben nicht die Orte mit der großen Werbekampagne, die uns am meisten überraschen. Manchmal reicht ein Tagesausflug, eine mittelalterliche Burg auf römischen Fundamenten und ein LKW-Fahrer, der uns für Locals hält, um eine Stadt für immer im Herzen zu behalten.

 

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