Anne Boleyn: Hinrichtung einer Königin

Anne Boleyn: Hinrichtung einer Königin. Heute vor 478 Jahren, am 19. Mai 1536, geschah innerhalb des Towers von London etwas, was die englische Geschichte noch nie zuvor gesehen hatte. Die englische Königin Anne Boleyn, zweite Ehefrau Heinrichs VIII., starb auf dem Schafott.

Anne Boleyns ungewöhnlichen Weg an die Spitze der Macht und ihren schmerzhaften Fall habe ich bereits beschrieben. Nun geht diese umstrittene und doch so faszinierende Figur der Geschichte ihren letzten Gang.

Anne Boleyn: Hinrichtung einer Königin

Die Königin im Tower

Am 15.05. war Anne Boleyn im Tower des Hochverrats, Ehebruchs und Inzest für schuldig befunden worden. Nichts außer Eifersucht und einem ungezügelten Temperament hatte sie gestanden. Laut eines Gesetzes aus der Zeit Edward III. galt Ehebruch einer Königin als Verrat (durch die Einflüsse, die ein Seitensprung auf die Thronfolge hätte), zu bestrafen entweder mit Verbrennung oder Enthauptung, nach des Königs Willen.

Zwei Tage nach dem Prozess wurden Annes Bruder und ihre anderen angeblichen Liebhaber auf Tower Hill hingerichtet. Am gleichen Tag wurde Annes Ehe mit dem König für ungültig und ihre Tochter Elizabeth zu einem Bastard erklärt.

Während ihrer Haft wurde auf Befehl von Thomas Cromwell jedes Wort, das Anne sprach, aufgezeichnet. Er hoffte, Anne würde sich selbst, oder andere, belasten. Nachdem Anne anfänglich nach ihrer Verhaftung oft von Weinen in hysterisches Gelächter fiel, wurde ihr Humor immer schwärzer, je näher ihre für den 19.05. angesetzte Hinrichtung rückte. Man hatte ihr bereits mitgeteilt, dass sie nicht durch das stumpfe Beil, sondern das schnelle Schwert sterben sollte. Sie äußerte freudig, dass sie zudem auch einen schmalen Hals habe, und legte lachend ihre Hände um ihren Hals. Sie bedauerte zudem, dass sie erst am späteren Morgen des 19. sterben sollte, da sie gehofft hatte, dann bereits tot zu sein und ihre Leiden hinter sich zu haben.

Anne Boleyns letzte Stunden

Am Morgen ihres letzten Tages auf Erden ließ Anne den Constable des Tower, William Kingston zu sich rufen, um mit ihr zusammen die Messe zu hören. Während der Messe schwor sie auf die heiligen Sakramente und mit Kingston als Zeugen, dass sie dem König niemals untreu gewesen ist. Sie wusste, dass dies an ihrem Urteil nichts ändern würde. Doch sie muss gehofft haben, dass die Geschichte sie als unschuldig anerkennen würde – womit sie größtenteils Erfolg hatte.

Schließlich war die Stunde gekommen. Gekleidet in ein graues Kleid, ein rotes Unterkleid und einen Hermelinmantel machte sich Anne in Begleitung ihrer Damen auf den Weg zum Schafott. Ein weiterer Mythos um Anne Boleyns Lebensende besteht übrigens in den Gemächern, in denen sie inhaftiert war sowie dem Ort ihrer Hinrichtung. Oft wird angenommen, sie sei im Queen’s House untergebracht gewesen. In dem Fachwerkgebäude im Tudorstil am Tower Green lebt heutzutage der Constable des Tower mitsamt Familie. Doch dieses Gebäude wurde erst ca. vier Jahre nach ihrem Tod erbaut. Und das angebliche Gemach von Anne Boleyn war wie so vieles eine Erfindung des viktorianischen Zeitalters. In Wirklichkeit war sie wahrscheinlich in den königlichen Gemächern südöstlich des White Towers untergebracht, die bereits seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr existieren.Anne Boleyn: Hinrichtung einer Königin

Und auch der sagenumwobene Hinrichtungsort, an dem heute ein Glasdenkmal den dort Hingerichteten gedenkt, lag sehr wahrscheinlich nicht dort vor der Kapelle St. Peter-ad-Vincula. Das Schafott jener Zeit, auf dem auch Anne Boleyn starb, stand nördlich des White Tower, vor dem heutigen Eingang zur Ausstellung der Kronjuwelen. Auch die Verlegung dieses Ortes haben wahrscheinlich die Viktorianer auf dem Gewissen.

Anne Boleyns Tod

Es war entschieden worden, dass Anne innerhalb der Mauern des Towers sterben sollte und nicht auf dem Tower Hill vor dessen Toren. Man fürchtete, was sie auf dem Schafott sagen würde, und dämmte so die Zuschauerzahlen ein. Doch Anne war klug und wollte sowohl ihre Familie als auch ihre Tochter Elizabeth vor Schaden schützen. Sie gestand zwar ihre Schuld nicht, griff jedoch auch Heinrich nicht an: „Ich bin hierher gekommen weder, um einen Menschen anzuklagen, noch irgend etwas darüber zu sagen, weshalb ich angeklagt und zum Tod verurteilt wurde. Aber ich bete: Gott schütze den König. Möge er noch lange über euch herrschen.“ (hier könnt Ihr Anne vollständige Rede mitsamt Übersetzung nachlesen).

Anschließend legte Anne Mantel und Haube ab und bedeckte ihr Haar mit einem Kopftuch. Sie kniete sich hin, und eine ihrer Damen verband ihr die Augen. Anne begann zu beten und wiederholte immer wieder die Zeile „Jesu receive my soul; O Lord God have pity on my soul“. Um ihr gar nicht erst Zeit für Panik zu lassen, rief der Scharfrichter nach seinem Schwert, als er es bereits in der Hand hatte. Kurz darauf schlug er Anne mit einem einzigen Streich den Kopf ab.

Anne Boleyn: Hinrichtung oder Heiligsprechung?

Die Umstände von Anne Boleyns Tod tragen viel zu ihrem Mythos bei. War sie zu Lebzeiten schon eine bemerkenswerte Frau, stieg ihr Ruf nun ins Unermessliche. Die ehemals so geliebte Frau, für die ein Mann sein ganzes Königreich auf Generationen hin spaltete, wurde nach nur wenigen Jahren Glück vom selben Mann aufs Schafott geschickt. Und war sie für die Katholiken ihrer Zeit auf ewig die „große Hure“, galt sie den Protestanten als Märtyrerin.

Ihr Tod zementierte zugleich den Ruf Heinrichs VIII. als skrupelloser Machtmensch, nicht scheuend, auch jene zu verdammen, die ihm am nächsten standen. Nicht umsonst sagte Christina von Dänemark einige Jahre später, sie würde Heinrich nur heiraten, wenn sie zwei Köpfe hätte.

Und zuletzt verursachte Heinrich an jenem Tag wahrscheinlich den Untergang seiner Dynastie. Denn während es seinem einzigen Sohn nicht verkönnt war, lange zu leben, ließ seine Tochter Elizabeth die Tudordynastie lieber aussterben als sich selbst einem Ehemann auszuliefern – wie ihre Mutter es einst getan und so bitter bezahlt hatte.

Das Lied in diesem Video entstand zu einem Gedicht, das Anne Boleyn angeblich während ihrer Zeit im Tower verfasste.

Links:

The Anne Boleyn Files: Anne Boleyn and the Tower of London


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Ein Kommentar

  1. Udo Schiedung

    Wie kann man bei soviel menschlichem“ Dreck“ heute noch von
    von „Hochadel“ sprechen wen die Wurzeln so versaut sind- Für
    solches Verhalten von Heuchlertum gibt es kein Verständnis; schon gar
    nicht Hochachtung.
    Allenfalls zu Kreuze kriechen vor Geld und Macht von Schwachsinnigen.

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