Am 19.02.26 wurde mit dem früheren Prinz Andrew ein hochrangiges Mitglied der britischen Königsfamilie verhaftet – ein Ereignis, das sich für viele unwirklich anfühlte. Ein Mitglied der königlichen Familie in Polizeigewahrsam? In Großbritannien, dem Land der Monarchie, der Traditionen und des scheinbar unerschütterlichen royalen Schutzschilds? Die spontane Reaktion vieler war wohl dieselbe: Das hat es doch noch nie gegeben. Oder?
Eine sehr naive Einstellung 😀 Denn ein Blick in die Geschichte zeigt: Es gab sogar mehr als einen Fall. Aber der letzte liegt erschreckend weit zurück. Das letzte Mal, dass ein Mitglied der englischen Königsfamilie tatsächlich verhaftet und vor Gericht gestellt wurde, war im 17. Jahrhundert – und es betraf keinen Geringeren als den amtierenden König selbst: Charles I.
Seine Verhaftung, sein Prozess und seine Hinrichtung im Januar 1649 markieren einen historischen Ausnahmezustand, den England seitdem nie wieder erlebt hat. Kein Prinz, keine Prinzessin, kein Monarch wurde danach je wieder offiziell festgenommen und abgeurteilt. Der Fall Charles I. ist bis heute ein einmaliger Bruch mit allem, was monarchische Unantastbarkeit bedeutete.
Ich will heute die Verhaftung von Andrew Mountbatton-Windsor zum Anlass, um zu diesem radikalen Moment der britischen Geschichte zurückzugehen. Wer verhaftet einen König? Warum glaubte das Parlament, keine andere Wahl zu haben? Und was sagt dieser historische Vergleich über Macht, Recht und Verantwortung innerhalb der Monarchie aus – damals und heute?
Warum Charles I. sterben musste – Hintergründe eines königlichen Todesurteils
Warum wurde im Januar 1649 ein amtierender König vor Gericht gestellt – und schließlich hingerichtet? Der Prozess gegen Charles I. gehört zu den radikalsten Momenten der englischen Geschichte. Was zunächst wie ein politisches Druckmittel wirkte, entwickelte sich innerhalb weniger Tage zu einem unumkehrbaren Schritt. Am Ende stand nicht nur der Tod eines Königs, sondern eine tiefgreifende Verschiebung von Macht, Recht und politischem Selbstverständnis.
Die Ereignisse von 1649 lassen sich nicht isoliert betrachten. Bereits im 16. Jahrhundert hatte sich in England und Schottland eine gefährliche Idee etabliert: Monarchen herrschten nicht allein durch göttliches Recht, sondern – unter Gott – durch das Volk. Diese Argumentation war in den 1550er-Jahren entwickelt worden, um Widerstand gegen katholische Königinnen (Mary I. und Mary Stuart) zu legitimieren. Daraus folgte ein brisanter Gedanke: Wenn das Volk Ursprung der Macht war, durfte es sich gegen tyrannische Herrscher wehren.
Charles I. war Protestant, wurde jedoch von vielen als religiös unzuverlässig wahrgenommen. Seine Vorliebe für feierliche Liturgie und seine Unterstützung der Bischöfe galten Kritikern als „papistisch“. In den frühen Jahren seiner Herrschaft entlud sich die Opposition zunächst gegen seine Minister. Einer wurde ermordet, ein anderer durch Parlamentsbeschluss hingerichtet. Das Vertrauen zwischen König und Parlament war dauerhaft beschädigt – eine Entwicklung, die schließlich im Bürgerkrieg mündete.
Wie Charles I. bereits in den 1620er-Jahren in seinen Kriegen gegen Spanien und Frankreich schmerzhaft gelernt hatte, war Krieg ein teures Vergnügen – und irgendjemand musste ihn bezahlen. Steuern waren dafür unverzichtbar, und der effektivste Weg, sie einzutreiben, führte über das Parlament. Doch genau hier scheiterte Charles immer wieder. Wie schon sein Vater verstand er nie wirklich, welche Bedeutung das Parlament für die Engländer hatte: als Hüter von Recht und Freiheit.
Auch politisches Fingerspitzengefühl war nicht gerade seine Stärke. Charles misstraute emotionalen Appellen – zum Teil, weil er die Warnungen seines Vaters vor den Gefahren des „Populismus“ verinnerlicht hatte, zum Teil aber auch, weil ihm schlicht der Instinkt dafür fehlte. Menschen zu lesen fiel ihm schwer. Stattdessen setzte er auf Form und Ordnung, die für ihn Beziehungen regelten und ihm Sicherheit gaben. Jede Infragestellung dieser Ordnung empfand er dagegen als zutiefst bedrohlich.
In den 1620er-Jahren hatte Charles I. erbitterte Kämpfe mit seinen Parlamenten ausgefochten – vor allem wegen deren Versuchen, seinen Günstling und wichtigsten Minister, den Herzog von Buckingham, zu stürzen. 1629, nach Buckinghams Ermordung und weiteren erfolglosen Versuchen, das Parlament zur Finanzierung seiner Kriege zu bewegen, entschied sich Charles für einen radikalen Kurswechsel: Frieden im Ausland und persönliche Herrschaft ohne Parlament – elf Jahre lang.
Doch nach dem ersten Krieg gegen die Schotten – dem sogenannten Bischofskrieg – der in einem Patt endete, sah sich Charles 1640 gezwungen, erneut ein Parlament einzuberufen, um einen zweiten Krieg zu finanzieren. Doch elf Jahre der Alleinherrschaft hatten tiefe Bitterkeit und massives Misstrauen hinterlassen. Dieses „Kurze Parlament“ wurde bereits nach wenigen Wochen wieder aufgelöst, ohne dem König auch nur einen Penny an Steuern bewilligt zu haben.
Als jedoch der zweite Bischofskrieg mit einer Niederlage für den König endete, blieb ihm keine Wahl: Ein weiteres Parlament musste einberufen werden. Dieses „Lange Parlament“ sollte ihn schließlich überleben.
Der Bürgerkrieg und das Ende der Schonung

Auslöser des Bürgerkriegs war ein Aufstand in Irland. Die dortige katholische Mehrheit erhob sich gegen die überwiegend protestantischen, meist englischen Siedler. Das Parlament war sofort bereit, Gelder für eine Armee freizugeben, um den Aufstand niederzuschlagen. Weil diese Armee jedoch dem König unterstand, fürchtete man, er könnte sie gegen das Unterhaus einsetzen.
Deshalb versuchte man im November 1641, dem König die Oberhoheit über das Militär zu entziehen und sie Vertrauten des Parlaments zu übertragen. In diesem Zusammenhang wurde die Große Remonstranz veröffentlicht. Dieses umfangreiche Schriftstück mit Vorwürfen gegen die königliche Politik, eingebracht von John Pym, dem Wortführer der Parlamentspartei, forderte erstmals eine parlamentarische Kontrolle der Regierung. Bei der Abstimmung über die Remonstranz zeigte sich allerdings, dass Charles im Unterhaus noch immer viele Unterstützer hatte. Ein beträchtlicher Teil der konservativen Abgeordneten, die das Königtum als göttlich legitimiertes Amt betrachteten, wollte dieser Forderung nicht zustimmen. Die Remonstranz wurde deshalb nur knapp angenommen.
Charles I. schätzte daraufhin seine Lage falsch ein: Am 4. Januar 1642 drang er in bewaffneter Begleitung ins Unterhaus vor, um Pym und fünf weitere Mitglieder des Parlaments verhaften zu lassen. Der Versuch scheiterte jedoch kläglich und erregte zudem den Zorn der Londoner Bevölkerung.
Übrigens ist dieses Ereignis bis heute der Grund, warum der britische Monarch das Unterhaus nicht betreten darf. Daher muss er zur Parlamentseröffnung immer einen Bediensteten genannt “Black Rod” schicken, um die Abgeordneten ins Oberhaus zu bitten, um die Rede des Monarchen zu hören.

Charles I. floh daraufhin aus London und sammelte seine Anhänger in Oxford. Nur wenige Wochen später brach der Englische Bürgerkrieg aus.
Zu Beginn betonte das Parlament noch, nicht gegen den König selbst vorzugehen. Offiziell wollte man Charles aus dem Einfluss „böser Ratgeber“ befreien. Entsprechend enthielten frühe militärische Aufträge ausdrücklich die Forderung nach der „Bewahrung der Person des Königs“.
Doch der Krieg veränderte die Haltung. Mit steigenden Verlustzahlen und wachsender Verbitterung radikalisierte sich die politische Sprache. Spätestens 1645, mit dem Aufstieg der schlagkräftigen New Model Army unter Sir Thomas Fairfax, verschwand der Schutz für Charles aus den offiziellen Dokumenten. Der König verlor militärisch, wurde 1646 gefangen genommen – und begann zu verhandeln.
In den folgenden Monaten versuchte Charles, seine Gegner gegeneinander auszuspielen. Er verhandelte parallel mit Parlament, Armee und den Schotten, in der Hoffnung, unter günstigen Bedingungen auf den Thron zurückzukehren. Dieses Taktieren verstärkte das Misstrauen gegen ihn erheblich.
Im Oktober 1647 bezeichneten radikale Offiziere der New Model Army den König erstmals als „man of blood“, als Verantwortlichen für das vergossene Blut. Als Charles später versuchte zu fliehen, nachdem er vor einem geplanten Attentat gewarnt worden war, werteten viele dies als Treuebruch. 1648 unterstützte er einen royalistischen Aufstand sowie eine schottische Invasion. Für seine Gegner war damit klar: Solange Charles lebte, drohte neuer Krieg.
Der Weg zum Prozess
Der entscheidende Wendepunkt kam im Dezember 1648. Unter der Führung von Colonel Thomas Pride ließ die Armee das Unterhaus von Abgeordneten säubern, die weiterhin mit dem König verhandeln oder einen Prozess verhindern wollten. Übrig blieb das sogenannte Rumpfparlament.
Dieses Parlament erklärte es zum Hochverrat, wenn ein englischer König Krieg gegen Parlament und Königreich führte. Das Oberhaus verweigerte die Zustimmung – woraufhin es politisch ausgeschaltet wurde. Am 4. Januar 1649 folgte eine Grundsatzerklärung: Das Volk sei, unter Gott, der Ursprung aller rechtmäßigen Macht. Die Abgeordneten des Unterhauses hielten diese Macht treuhänderisch und könnten allein Gesetzeskraft ausüben. Die traditionelle Ordnung aus König, Lords und Commons war damit faktisch aufgehoben.
Am 20. Januar 1649 begann der Prozess gegen Charles I. in der Westminster Hall. Zum Präsidenten des Gerichts wurde der erfahrene Radikale John Bradshawe gewählt. Viele der ernannten Richter blieben den Sitzungen fern; andere nahmen widerwillig teil. General Fairfax zog sich früh zurück, ohne den Prozess öffentlich zu verurteilen.
Charles trat bewusst als König auf. Er behielt seinen Hut auf dem Kopf und verweigerte jede Geste der Unterordnung. Von Beginn an stellte er nicht seine Unschuld, sondern die Legitimität des Gerichts infrage. Seine zentrale Frage lautete: „Durch welche Autorität werde ich hier gerichtet?“
Für das Gericht war diese Frage zentral. Charles I. sollte die Gerichtsbarkeit anerkennen, um den Prozess rechtlich abzusichern. Doch er weigerte sich beharrlich. Für ihn konnte ein Gericht ohne House of Lords kein Parlament sein. Zudem wies er die Behauptung zurück, England sei ein Wahlkönigreich.
Mehrere Tage wiederholte sich dasselbe Muster: Das Gericht forderte Charles auf zu plädieren, Charles verlangte die rechtliche Grundlage. Währenddessen wuchs der Druck von außen. Geistliche warnten vor dem Königsmord, ausländische Gesandte signalisierten mögliche Konsequenzen. Dennoch blieb Charles unbeweglich.
Warum der Prozess eskalierte
Indem Charles I. die Gerichtsbarkeit nicht anerkannte, verweigerte er dem Unterhaus die Anerkennung als höchste Autorität im Staat. Für das Rumpfparlament und die Armee wurde genau das zum Kernproblem. Ihn leben zu lassen hätte bedeutet, diese Autorität infrage zu stellen.
Zeugenaussagen über Kriegsverbrechen und Aggressionen wurden verlesen, um das Urteil moralisch zu untermauern. Am 26. Januar 1649 beschlossen die Richter, dass Charles hingerichtet würde, falls er weiterhin nicht plädierte. Oliver Cromwell, zu jener Zeit Feldherr der New Model Army und späteres Staatsoberhaupt des Commonwealth, deutete diese Entwicklung als göttliche Fügung.
Am 27. Januar wurde Charles ein letztes Mal die Möglichkeit gegeben, die Zuständigkeit des Gerichts anzuerkennen. Stattdessen bat er darum, vor Lords und Commons sprechen zu dürfen – ein weiterer Hinweis darauf, dass er die neue Ordnung nicht akzeptierte. Das Urteil wurde daraufhin verkündet: Tod durch Enthauptung.
Am 30. Januar 1649 wurde Charles I. vor dem Banqueting House in Whitehall hingerichtet. Er hatte beim Ankleiden an diesem kalten Morgen zwei Hemden angezogen – weil nicht wollte, dass die Zuschauer ein Frösteln für Angst hielten. In seinen letzten Worten sprach er vom göttlichen Königtum und vom Gesetz als Grundlage wahrer Freiheit. Er bezeichnete sich selbst als Märtyrer.

Ein umstrittenes Ende
Ob Charles I. als Tyrann, Märtyrer oder gescheiterter Monarch zu beurteilen ist, bleibt umstritten. Unbestritten ist jedoch, dass seine Herrschaft mit außergewöhnlich hohen Verlusten verbunden war. Ebenso klar ist, dass Parlament und Armee 1649 das bestehende Rechtssystem aufbrachen, um ein neues Machtgefüge zu etablieren.
Mit der Hinrichtung des Königs endete nicht nur eine Herrschaft, sondern eine ganze politische Ordnung. Was in Form des Commonwealth folgte, war keine stabile Lösung, sondern eine Phase neuer Unsicherheiten, die nicht einmal elf Jahre hielt. Der Tod Charles’ I. markierte keinen Abschluss – sondern den Beginn eines radikal neuen Kapitels der englischen Geschichte.

Quellen:
https://www.historyextra.com/membership/why-king-charles-executed-i-had-to-die/
https://www.historyextra.com/period/stuart/king-charles-i-life-profile-rule-civil-war-death/
https://en.wikipedia.org/wiki/Charles_I_of_England

