Was wäre, wenn… Heinrich VIII. einen Sohn gehabt hätte? Teil 2

Willkommen zum 2. Teil meiner kleinen Utopie, die überlegt, wie sich die Geschichte entwickelt hätte, wäre Henry, Sohn von Heinrich VIII. und Katharina von Aragon, nicht als Säugling gestorben. (Hier entlang zum 1. Teil)

Im ersten Teil überlegte ich, wie sich das Leben Heinrichs entwickelt hätte, wäre seine fanatische Jagd auf einen männlichen Erben nicht nötig gewesen. Nun will ich überlegen, wie das Lebens Prinz Henrys verlaufen wäre und wie sich seine Existenz auf Englands Geschichte ausgewirkt hätte. Hier begebe ich mich natürlich auf unbekanntes Gebiet und kann nur aufgrund meines Wissensstandes Vermutungen anstellen, auf denen dann wiederum andere Vermutungen fußen. Ich behaupte nicht, dies sei die einzig mögliche Variante, wie die Geschichte verlaufen wäre. Andere Meinungen oder Ergänzungen in den Kommentaren sind sehr willkommen!

Was wäre, wenn... Heinrich VIII. einen Sohn gehabt hätte?

Henry, der Prinz

Henry erblickte also 1511 das Licht der Welt und bekam 1516 eine kleine Schwester namens Mary. Da es die Ehe mit Anne Boleyn nicht gab, gab es auch keine Schwester Elizabeth. Anne Boleyn war vielleicht die Frau von Henry Percy und somit Herzogin von Northumberland – nicht ganz so hoch gestiegen, aber dafür wäre sie wohl kaum auf dem Schafott gestorben.

Gehen wir davon aus, dass Heinrich nach dem Tod seiner Frau 1536 entweder nicht noch einmal geheiratet hat oder dass zumindest keine weiteren Söhne bekommen hätte. Henry blieb also der einzige Sohn und Erbe. Er wird, wie Heinrich selbst, die beste Ausbildung bekommen haben, die die Renaissance zu bieten hatte. Sein Vater schätzte zu jener Zeit Sir Thomas More und die Ideale des Humanismus sehr hoch, als ist es denkbar, dass er More zum Lehrer seines Sohns bestimmt hätte. Henry wurde also mit Humanismus, aber auch mit der Treue zu Rom vom streng katholischen More erzogen.

 

Die Tudor-Dynastie nach Heinrich VIII.

Da Henry als einziger Erbe durch eigene Erben den Fortbestand der Dynastie sichern musste, stand die Frage seiner Heirat quasi sofort nach seiner Geburt im Raum. Zudem sollte seine Ehe natürlich eine Allianz mit einem mächtigen Königshaus Europas schließen.

Zwei Töchter aus bestem Haus wären von Alter und Abstammung her gut für Henry infrage gekommen: Katharina von Kastilien, Tochter Johannas von Kastilien, der Schwester Katharinas von Aragon und Renée de France, Tochter von Ludwig XII. von Frankreich, der Henrys Taufpate war.

Katharina von Aragon hätte sicher gern eine Allianz mit ihrem Heimatland Spanien gesehen, doch wenn man bedenkt, dass für den Erben von Heinrich VIII. gerade das Beste gut genug gewesen wäre, gab es ein Problem: Johanna von Kastilien, nach dem Tod ihrer Mutter Königin von Kastilien und León, war dem Wahnsinn verfallen, nachdem sie 1506 ihren geliebten Mann verloren hatte. Schließlich wurde sie weggesperrt. Ihre jüngste Tochter Katharina, vom Alter her Henry am nächsten (geboren 1507), lebte mit ihrer Mutter in Gefangenschaft, bis sie 18 Jahre alt war. Die ideale Braut? Unwahrscheinlich. Ihre ältere Schwester Maria war als unattraktiv überliefert und zudem sechs Jahre älter als Henry. Seine Eltern waren zwar ähnlich weit auseinander, doch brachte eine ältere Braut immer ein Risiko mit sich, wenn es um die Fortpflanzung ging.

Unter diesen Umständen wäre die Wahl vielleicht doch eher auf Frankreich gefallen, denn hier gab es Renée, Tochter des Königs und keine drei Monate älter als Henry. Die Allianz mit Spanien hätte man über eine Ehe von Henrys Schwester Mary schmieden können, z.B. mit Ferdinand, dem jüngeren Bruder Karl V. So wäre England mit beiden Herrschaftshäusern verbündet – zumindest, so gut das eben in der Praxis funktioniert hat.Renée de France

Die Hochzeit von Henry und Renée wäre wohl um 1528 gefeiert worden, das Jahr, in dem Renée auch in der Realität heiratete. Die Eheleute wären also 17, 18 Jahre alt gewesen, alt genug, um die Ehe zu vollziehen. Renée hatte in der Realität fünf Kinder, die alle das Erwachsenenalter erreichten. Hätte Henry also nicht die Probleme seines Vaters, stand einer königlichen Kinderschar also nichts im Weg, und die Dynastie wäre gesichert.

 

Henry, der König

Henry hätte nach dem Tod seines Vaters 1547 im Alter von 36 Jahren den Thron bestiegen. Als Sohn zweier treuer Katholiken und als Schüler von Thomas More wäre Henry (ich bleibe der Unterscheidbarkeit wegen bei diesem Namen, auch wenn er als Monarch nun Heinrich IX. gewesen wäre) den Ideen der Reformation sicher weniger aufgeschlossen gewesen. Seine Frau Renée wäre den Lehren Calvins in späteren Jahren vielleicht zugeneigter gewesen, doch ob das eine Revolution im ganzen Land hervorgerufen hätte, ist fraglich. Wie England sich während der Reformation entwickelt hätte, ohne den massiven Druck der königlichen Scheidung und der Loslösung von Rom ist schwer zu sagen. Früher oder später hätte der Protestantismus vermutlich auch in England Fuß gefasst, vielleicht bereits unter Henrys Nachfolger. Doch der große religiöse Krieg, wie er unter Heinrich stattgefunden hatte, mit über 70.000. Exekutionen, der Auflösung der Klöster und der Gründung der anglikanischen Kirche wäre ausgeblieben. Henry hätte vermutlich über ein deutlich ruhigeres England regiert.

Wäre alles gut verlaufen, hätte Henry im Alter von 60 bis 65 Jahren das Zeitliche gesegnet, also etwa 1571 bis 1576.

 

Quo vadis, England?

Wie es so mit ruhigen Zeiten und weniger Massakern ist: Die Tudorzeit wäre uns heute längst nicht so prägnant aufgefallen wie sie es in der Realität tut. Allerdings wäre es auch unwahrscheinlich, dass, auch ohne Kirchenspaltung, es keinerlei Kriege oder Glaubensunruhen in England gegeben hätte. Was diese Dinge ausgelöst hätten, vermag ich nicht zu prognostizieren. Doch folgende Dinge hätte es wahrscheinlich nicht gegeben bzw. sie wären komplett anders verlaufen:

  • Anne Boleyns Werdegang zur Herzogin von Northumberland habe ich bereits erwähnt. Auch die anderen Frauen Heinrichs VIII. hätten vermutlich andere Ehemänner gefunden. Ihre Namen würde heute wohl kaum jemand kennen.
  • Thomas More wäre das Märtyrerschicksal erspart geblieben, während der reformierte Kirchenmann Thomas Cranmer vermutlich seine Ansichten für sich behalten oder das Land hätte verlassen müssen.
  • Die anglikanische Kirche würde in dieser Form nicht existieren. Möglich, dass sich England irgendwann dem Protestantismus zugewandt hätte, aber dafür wäre keine eigene Kirche vonnöten gewesen. Auch die gewaltsame Auflösung der Klöster hätte nicht stattgefunden, und uns wären viele Gebäude und Kunstschätze erhalten geblieben.
  • Edward VI. und Elizabeth I. wären nie geboren worden. Weder Jane Grey noch Mary Stuart hätten auf dem Schafott sterben müssen (in Marys Fall zumindest nicht auf einem englischen Schafott).
  • Einer der größten englischen Triumphe, die abgewehrte Invasion der spanischen Armada, hätte wahrscheinlich nicht stattgefunden. Man kann nie ausschließen, dass sich das Verhältnis zu Spanien allen Ehen zum Trotz verschlechtert hätte, aber ob Phillip von Spanien ohne den Glaubenskonflikt eine Armada entfesselt hätte, ist diskutabel.
  • Die religiöse Spaltung Englands, die in dieser Form nicht stattgefunden hätte, hätte weder die Pulververschwörung um Guy Fawkes noch den englischen Bürgerkrieg beeinflusst. Zudem wäre die englische Thronfolge über Jahrhunderte anders gewesen, denn durch den Act of Settlement wurden im Jahr 1701 Katholiken von der Thronfolge ausgeschlossen.

Natürlich ist der Gedanke verlockend, dass England ohne den großen Streit zwischen Heinrich VIII. und dem Papst eine gemäßigtere Übereinkunft der Religionen erreicht hätte und alle Greuel, die dieser Zwist mit sich brachte, nicht geschehen wären. Doch kaum einem Land ist es in den Jahrhunderten nach der Reformation gelungen, Frieden zwischen den Konfessionen über längere Zeit zu wahren. Daran hätte auch kein König Heinrich IX. etwas geändert.


Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

2 Kommentare

  1. André Gottwald

    Ich bekam gerade den neuen WBG-Katalog und siehe, das Thema scheint allgemein zu interessieren. Es wird ein Titel „Was wäre wenn – Alternative Geschichte“ für April 2014 angekündigt. Es gibt auch eine Buchhandelsausgabe:
    http://www.theiss.de/detail_search.php?n=1595&term=peschke&pn=1

    Ich habe es mir schonmal vorgemerkt.
    Das allgemeine Problem bei alternativer Geschichte ist ja leider, daß man sich sehr wohl die alternativen Folgen eines singulären Ereignisses vorstellen kann, aber der zweite und dritte Schritt schon sehr volatil werden. Denn die anderen historischen Kräfte hätten ja auf den unterschiedlichen Ausgang eines Ereignisses auch anders reagiert. Und dann wird es unübersichtlich. Aber als Roman ist so etwas unterhaltsam vorstellbar.

  2. Ich glaube nicht, dass Henry über 60 Jahre alt geworden wäre, da seine Schwester Mary bereits mit 42 Jahren an Krebs starb und seine Mutter mit 50 Jahren an der gleichen Krankheit. Darüber kann man sich den Kopf zerbrechen, ändern kann man jedoch nichts mehr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.