09.11.1888: Mary Jane Kelly (Herbst des Schreckens)

Mit Mary Jane Kelly ging am Morgen des 09.11.1888, als man ihren grausam verstümmelten Leichnam in ihrer schäbigen Unterkunft entdeckte, der Herbst des Schreckens zu Ende. Mehr als fünf Wochen waren seit dem Mord an Elizabeth Stride und Catherine Eddowes vergangen. Manche müssen sich bereits gefragt haben, ob Jack the Ripper – freiwillig oder unfreiwillig – sein blutiges Werk beendet hatte. Doch dann kam Jack zurück, und zwar blutiger und grausamer als je zuvor.

 

Trügerische Ruhe

Am 16. Oktober bekam George Lusk, der Vorsitzende der Bürgerwehr Whitechapel, ein Paket mit einer halben menschlichen Niere zugeschickt. Ebenfalls im Paket: Der „From Hell“-Brief, der behauptete, die Niere stamme von einem der Opfer, mutmaßlich von Catherine Eddowes. Zur gleichen Zeit verhörte die Polizei 80 Verdächtige und verfolgt Hunderte Hinweise.

 

Scotland Yard erhöhte im Herbst des Schreckens in Whitechapel die Zahl der während der Nacht patrouillierenden Polizisten von 27 auf 89. Viele Prostituierte gaben ihr Gewerbe auf, aus Angst, das nächste Opfer des Rippers zu werden.

Doch als die Wochen vergingen, nahm die Panik der Bevölkerung etwas ab. Und viele der 1.200 Prostituierten Whitechapels nahmen ihre Arbeit wieder auf, oftmals sicher aus schierer Notwendigkeit, ein klägliches Einkommen zu erstreiten. Dem Mörder spielte dies natürlich in die Hände, denn, wie auch die Polizei inzwischen verstanden hatte: Jack the Ripper war nicht darauf angewiesen, eine Gelegenheit zum Morden zu suchen. Seine potentiellen Opfer nahmen ständig Männer mit an abgelegene Orte. Und genau so kam es zum blutigsten der Rippermorde.

 

Mary Jane Kelly

Anders als bei den anderen Ripper-Opfern ist über das Leben von Mary Jane Kelly so gut wie nichts bekannt. Fast alle Informationen stammen von ihrem Lebensgefährten Joseph Barnett, der sie wiederum aber auch nur von Mary selbst hatte. Ihm zufolge wurde Mary Jane Kelly ca. 1863 in Limerick, Irland geboren, zog aber noch als kleines Kind mit ihrer Familie nach Wales. Sie soll auch als Erwachsene noch fließend Walisisch gesprochen haben. Marys Vater arbeitete in einer Eisenhütte, und sie hatte sechs bis sieben Brüder und mindestens eine Schwester. Eine Freundin Marys sagte der Polizei, Marys Familie sei eher wohlhabend gewesen, und Mary selbst sei eine gute Schülerin und talentierte Künstlerin gewesen.

Mit 16 Jahren soll Mary einen Minenarbeiter namens Davies geheiratet und von ihm auch ein Kind bekommen haben. Was aus dem Kind wurde, sofern es wirklich existierte, ist unbekannt. Davies starb einige Jahre später bei einem Grubenunglück. In der Zeit nach seinem Tod soll Mary angefangen haben, sich zu prostituieren.

1884 kam Mary Jane Kelly nach London und ging dort auf den Strich, allerdings nicht im elenden Whitechapel, sondern im feinen West End. Mary war immerhin erst 21 Jahre alt, und Zeitgenossen beschrieben sie als attraktiv: Blauäugig, blond oder rothaarig, mit frischem Teint und einer hübschen Figur.

Wie lange Mary im West End blieb, ist nicht bekannt, aber schließlich landete sie in Whitechapel. Vermutlich wurde ihr, wie auch den anderen Opfern, der Alkohol zum Verhängnis. Es wird berichtet, dass Mary sehr unangenehm werden konnte, wenn sie betrunken war: Entweder sang sie laut irische Lieder, oder sie warf mit Beleidigungen um sich und brach Streit vom Zaun. Dies brachte ihr den Spitznamen „Dark Mary“ ein, während sie eher still gewesen sein soll, wenn sie nüchtern war.

1887 kam Mary mit Joseph Barnett zusammen und zog 1888 mit ihm in ein Zimmer im Miller’s Court. Als Barnett seine Arbeit verlor, ging Mary wieder auf die Straße. Als sie dann andere Prostituierte mit in die gemeinsame Unterkunft brachte, kam es zum Streit zwischen Mary und Barnett, und Barnett verließ sie zehn Tage vor ihrem Tod.

Mary Jane Kellys Zimmer im Miller's Court, aufgenommen an Morgen nach ihrem Tod

Die Nacht des 09.11.1888

Mary begann ihre letzte Nacht auf Erden damit, ausgiebig zu singen. Nach Angaben ihrer Nachbarn sang sie von Mitternacht bis ein Uhr nachts in ihrem Zimmer das Lied „A violet I plucked from Mother’s grave“. Zwischendurch aß sie Fisch und Kartoffeln als spätes Abendessen. Anschließend sang sie weiter. Ihre Nachbarin, die sich ob des nächtlichen Lärms beschweren wollte, wurde von ihrem Ehemann mit den Worten „Lass die arme Frau in Ruhe“ davon abgehalten.

Um zwei Uhr wurde Mary Jane Kelly in der Commercial Street gesehen, wo sie vergeblich versuchte, sich von dem Arbeiter George Hutchinson Geld zu leihen. Von Hutchinson stammen die nächsten Beobachtungen.

Anschließlich ging Mary Richtung Aldgate und trieb in der Nähe der Thrawl Street einen Kunden auf. Der Mann wurde als dunkelhaarig, dunkeläugig, mit Schnurrbart und „jüdisch aussehend“ beschrieben. Er war vornehm gekleidet, trug einen Hut und einen langen schwarzen Mantel, war etwa 1,70 m groß und etwa 35 bis 36 Jahre alt. Mary und er redeten und lachten gemeinsam, dann sagte Mary zu ihm, er solle mitkommen, er würde es gemütlich haben. Hutchinson war Mary gefolgt und sah, wie sie mit dem Mann im Miller’s Court verschwindet. Hutchinson wartete noch, bis die Uhr drei schlug und ging dann weiter.

Eine Nachbarin von Mary gab an, um drei Uhr nach Hause gekommen zu sein, und Marys Zimmer war dunkel und still. Eine andere Nachbarin wurde eine Stunde später von ihrer Katze geweckt und meinte, einen leisen „Mord!“-Ruf gehört zu haben. Aber dies war in diesem Viertel nicht selten, also sah sie nicht nach. Um etwa sechs Uhr wurde gehört, wie jemand den Miller’s Court verließ.

Zwei verschiedene Personen gaben an, sie hätten Mary Jane Kelly am nächsten Morgen gesehen, doch die Polizei tat dies vermutlich als Irrtum ab. Denn als um 10.45 Uhr ein Gehilfe des Vermieters Marys überfällige Miete kassieren wollte, sah er durch das Fenster Mary Jane Kellys grausam zugerichtete Leiche auf dem Bett liegen.

 

Ein Mord wie aus einem Alptraum

Hatte der Ripper seine bisherigen Morde immer auf der Straße begangen, so konnte er sich im Schutz von Marys Zimmer so viel Zeit nehmen wie er wollte. Marys Kehle war bis auf die Knochen durchgeschnitten, was sie getötet hat. Alle weiteren Verletzungen wurden nach dem Tod zugefügt: Nahezu die gesamte Oberfläche ihres Unterleibs war entfernt, und ihre inneren Organe waren auf dem Bett verteilt. Das Fleisch ihrer Schenkel lag auf dem Tisch. Ihre Brüste waren entfernt und ebenfalls aufs Bett gelegt worden. Ihr Gesicht war mit zahlreichen Schnitten bis zur Unkenntlichkeit zerfleischt worden. Du siehst die Bilder im Video, das ich unten eingebunden habe. Auf weitere Bilder dieses Schlachtfestes verzichte ich hier.

Auch hier hatte der Mörder ein Organ vermutlich mitgenommen, denn Mary Jane Kellys Herz war verschwunden. Der Gerichtsmediziner schätzte, dass die Verstümmelung zwei Stunden Zeit gekostet habe, und dass das Einsetzen der Leichenstarre darauf hinwies, dass Mary Jane Kelly zwischen zwei und acht Uhr ermordet wurde.

Es herrscht Unklarheit, ob der Mord sich wirklich deswegen von den anderen Rippermorden unterschied, weil der der Mörder mehr Zeit hatte, oder weil Mary Jane Kelly in Wahrheit gar kein Opfer des Rippers war. Auch ihr ehemaliger Lebensgefährte Barnett wird von einigen als Täter gehandelt. Doch der Großteil der Fachwelt ist der Meinung, dass die Rippermorde mit Mary Jane Kelly endeten.

Nach dem Mord an Mary Jane Kelly stockte Scotland Yard seine Patrouillien noch einmal auf 143 Männer auf. Doch kein weiterer Mord geschah, oder zumindest keiner, der zweifelsfrei Jack the Ripper zugeordnet wurde.

 

 

Wer war Jack the Ripper?

Ich möchte das Thema, wer nun der Ripper war, hier nicht aufmachen. Denn damit allein könnte man eine neue Reihe von Blogartikeln füllen. Es fallen immer wieder eine ganze Menge Namen, und alle paar Jahre kommt ein neues Buch oder eine neue Doku raus, in dem/der nun aber wirklich zweifelsfrei bewiesen wird, wer Jack the Ripper war.

Eine sehr gute, deutschsprachige Übersicht über viele Verdächtige findest Du auf jacktheripper.de.

Eine weitere, noch umfangreichere, englische Übersicht bietet casebook.org und auch die englische Wikipedia.

Ich denke nicht, dass jemals zweifelsfrei geklärt werden wird, wer Jack the Ripper war. Die allermeisten Spuren sind längst verwischt, und auch moderne Technik kann das kaum ändern. Zudem lebt der Fall von seinem Mysterium, und natürlich von dem immer weiter zunehmenden Interesse an Verschwörungstheorien.

Es wird noch viele Theorien und Verdächtige geben. Doch der wahre Ripper ist im Nebel der Zeit verschwunden – wie passend.

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