Die vergessenen Tudors: Mary Tudor

Mary Tudor, jüngere Schwester von Heinrich VIII. Viel weiss man von ihrem Bruder, seinen sechs Frauen und seiner jüngsten Tochter. Doch die Familie der Tudors hat noch mehr interessante Charaktere zu bieten. Doch häufig werden sie im Glanz ihrer berühmten Verwandten übersehen. Diese Personen will ich Euch gern vorstellen, denn auch sie haben spannende Geschichten zu erzählen.

Mary Tudor: Von der Prinzessin zur Königin

Mary Tudor wurde 1496 als Tochter Heinrich VII. und Elizabeths von York geboren. Die Tudorgeschwister waren damit zu viert: Arthur, der Thronfolger, Margaret, die älteste Tochter, der spätere Heinrich VIII. und das Nesthäkchen Mary. Zwei weitere Geschwister überlebten das Kleinkindalter nicht. Und eine weitere Schwester starb nur wenige Wochen nach ihrer Geburt, die auch Elizabeth von York das Leben kostete.

Die vergessenen Tudors: Mary Tudor

Mary war beim Tod ihrer Mutter 8 Jahre alt. Ihr ältester Bruder Arthur war bereits ein Jahr zuvor gestorben, und ihre Schwester Margaret war nach Schottland verheiratet worden. Mary und Heinrich standen sich während ihrer Kindheit und Jugend sehr nahe. So nahe, dass Heinrich später seine erste Tochter nach seiner Schwester benannte. Sie war gerade einmal 13, als ihr geliebter Bruder als Heinrich VIII. den englischen Thron bestieg. Mary stand auch Heinrichs Frau Katharina von Aragon sehr nahe, bereits seit deren Ehe mit Prinz Arthur. Diese Freundschaft sollte ein Leben lang halten.

Mary galt als eine der schönsten Prinzessinnen Europas, und ihre Verheiratung war von jeher ein heißes Thema.  Bereits 1507 war Mary mit dem späteren Karl V. verlobt worden, doch ihr Bruder war nun mehr an einer Allianz mit Frankreich interessiert. Das Problem: Ludwig XII., der kinderlose französische König, war bereits für jene Zeit alte 52 Jahre. Mary war von der Aussicht auf diese Ehe alles andere als begeistert, kurz gesagt: Sie tobte und soll ihrem Bruder sogar eine Szene gemacht haben.

Doch schließlich gab sie auf, aber sie stellte ihrem Bruder eine Bedingung: Über ihre nächste Ehe wollte sie selbst bestimmen. Heinrich schien eingewilligt haben, denn später schrieb Mary in einem Brief an ihren Bruder: „Um des Friedens willen und um deine Angelegenheiten zu fördern, brachtest du mich dazu zu heiraten. Obwohl ich wusste, dass er sehr alt und krank war, war ich zufrieden damit, mich dir unterzuordnen zum Wohle des Friedens und deiner Angelegenheiten. Nur aufgrund deines Trostes und deines Versprechens unterzog ich mich dieser Ehe, die ich andernfalls niemals eingegangen wäre, wie ich dir damals deutlich zu verstehen gab.“ (Quelle).

Mary wurde also Königin von Frankreich. Kuriose Randnotiz: Eine der Hofdamen, die mit ihr 1514 nach Frankreich reisten, war die blutjunge Anne Boleyn. Glücklich war die junge Königin jedoch keinesfalls. Denn auch wenn ihr Ehemann sehr vernarrt in sie zu sein schien, entließ er entgegen aller Bitten den Großteil von Marys Gefolgschaft. Darunter auch ihre engste Vertraute, ihre Gouvernante. Dennoch nutzte Mary ihre Position und brachte ihren Mann dazu, ihrem Bruder in seinem Konflikt gegen Schottland zu unterstützen. Zudem schien Ludwig durch seine junge Königin einen zweiten König zu erleben und nahm wesentlich mehr Anteil am Hofleben. Doch vielleicht war genau dies zuviel für ihn. Nur drei Monate nach der Hochzeit, am 01.01.1515, starb der zunehmend kränkelnde König.

Mary hatte zwar die sorgende Gattin am Sterbebett gespielt, aber weit her schien es mit ihrer Trauer wirklich nicht zu sein. Dennoch musste sie zunächst die am französischen Hof übliche 40-tägige Trauerzeit in einem abgedunkelten Gemach hinter sich bringen. Die sollte auch ans Licht bringen, ob sie vielleicht ein Kind von Ludwig empfangen hatte. Es hieß allerdings, sie sei nach wie vor Jungfrau, was sie erneut zu einer begehrten Partie machte. Auch der neue König von Frankreich, Franz I., entfernter Verwandter Ludwigs, trug diese Frage an sie heran. Ihm gegenüber offenbahrte Mary schließlich ihr Geheimnis: Ihr Herz gehörte seit längerem Charles Brandon, dem Herzog von Suffolk und enger Freund ihres Bruders.

Als Heinrich eben diesen Herzog von Suffolk nach Frankreich entsandte, um Mary mitsamt Mitgift nach England zu holen, sprach Franz den Liebenden seine Unterstützung aus. So wollte er sich Marys Mitgift sichern sowie ein antifranzösisches Bündnis durch Marys zweite Ehe verhindern. Heinrich warnte Suffolk ausdrücklich, Mary ohne seine Erlaubnis zu heiraten. Und auch Mary erhielt in ihrem Witwengemach Besuch von zwei englischen Mönchen mit der gleichen Warnung. Doch Mary wollte nicht länger in Unsicherheit ausharren und stellte Suffolk schließlich vor die Wahl, sie entweder sofort zu heiraten, oder sie würde in ein Kloster gehen. Suffolk gab nach, und beide wurden am 13.05.1515 getraut.

Ehe nach Wunsch

Heinrich war es nicht gewöhnt, seine Wünsche nicht erfüllt zu bekommen. Und wenngleich er scheinbar Mary versprochen hatte, sie könne ihren Ehemann nach Ludwig selbst wählen, hatte er andere Pläne mit seiner Schwester gehabt, die nun hinfällig waren. Heinrich war zornig, und erst nach langem Briefwechsel, der Vermittlung durch Kardinal Wolsey sowie der Zusage, Mary und Suffolk würden Marys Mitgift aus eigener Tasche an Heinrich zurückzahlen, vergab er ihnen. Zur Sicherheit wurden Mary und Suffolk dann noch einmal in Heinrichs Anwesenheit in England getraut.

Hochzeitsgemälde von Mary Tudor und Charles Brandon

Mary war nun nur noch eine Herzogin (eine hochverschuldete zudem), aber als Prinzessin und ehemalige Königin zu einer gewissen – kostspieligen – Repräsentanz verpflichtet, die ihr Einkommen überstieg. Mary verbrachte daher viel Zeit entfernt vom Hof auf Suffolks Anwesen, wo auch ihre vier Kinder zur Welt kamen, die gemeinsam mit den Kindern aus Suffolks erster Ehe sowie zwei Mündeln aufwuchsen. Die Beziehung zu Heinrich war jedoch nach wie vor sehr herzlich. Kam Mary an den Hof, ließ Heinrich ihr alle angemessenen Ehren zukommen. Marys ältester Sohn, nach seinem Onkel Henry getauft, wurde sogar als Thronerbe gehandelt, da Heinrich noch immer keinen ehelichen Sohn hatte.

Mary und die „neue Königin“

Die Beziehung der Geschwister wurde jedoch von Heinrichs Interesse an Anne Boleyn überschattet. Wenngleich Mary Anne schon als junges Mädchen gekannt hatte, war sie jedoch zeit ihres Lebens eine enge Freundin von Katharina von Aragon. Als Heinrich Anne dann Weihnachten 1530 am Hof als Königin behandeln ließ – die sie noch nicht war – und sie somit den Vortritt vor Mary erhielt, schnappte Mary endgültig ein. Sie blieb dem Hof immer mehr fern und schützte Krankheit vor. Sie wollte Anne zu brüskieren und keinen Anlass, der Anne zu Ehren veranstaltet wurde, mit ihrer Anwesenheit beehren.

Mit ihrer Gesundheit ging es jedoch auch in der Realität abwärts, und als Anne gekrönt wurde, war Mary bereits todkrank. Sie starb am 25.06.1533, im Alter von gerade einmal 37 Jahren. Suffolk heiratete bereits ein paar Wochen nach ihrem Tod erneut, sein 14-jähriges Mündel Katherine Willoughby.

Was bleibt von Mary Tudor?

Mary Tudor inspirierte vor allem mit ihrer für jene Zeit ungewöhnlichen Liebesgeschichte mit Charles Brandon zahlreiche Romane und Filme. Doch bereits davor war Mary gewissermaßen für eine der tragischsten Gestalten der englischen Geschichte verantwortlich. Mary war die Großmutter von Lady Jane Grey, der sogenannten 9-Tage-Königin. Das 21. Jahrhundert ruinierte ihr Andenken leider etwas, indem die Serie „Die Tudors“ sie nicht nur mit ihrer Schwester Margaret in einen Topf warf, sondern auch ihre Lebensgeschichte frei aus Dramatikgründen umschrieb.

„Eine der schönsten jungen Frauen der Welt“ wurde Mary Tudor von ihren Zeitzeugen genannt. Und neben ihrer Schönheit hatte die Tudorprinzessin ihren eigenen Kopf, den sie durchzusetzen verstand. Sie ging ihren Weg – in einer Zeit, wo kaum eine Frau dies tun konnte.

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